Samstag, 19.09.2026 | In Bükü – Orhaniye | 3,54 nm

Heute ist der Tag, auf den wir uns schon seit Wochen freuen. Es geht nach Orhaniye, nicht nur, um unsere Vorräte aufzufüllen, sondern vor allem, weil wir zu einer türkischen Hochzeit eingeladen sind. Eine Einladung, die uns mit Stolz erfüllt und uns tief berührt. Es ist ein Privileg, an einem so persönlichen und riesigen Fest teilhaben zu dürfen. Dilek und Hassan (der Sohn von Dogan) heiraten.

Wir wollen schon um 10 Uhr am Steg des Palmiye Restaurants sein, denn die To-Do-Liste ist lang: auf den Bazaar, Wasser tanken, Abwassertank leeren, den Müll wegbringen und vielleicht noch eine Runde am Pool entspannen. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Müll man auf einem Schiff produziert!

Nach einem schnellen Müsli und einem letzten Sprung ins Wasser tuckern wir bei spiegelglatter See gemütlich Richtung Orhaniye. Die Einfahrt ist jedes Mal wieder atemberaubend: die majestätischen Berge, die alten Burgruinen, die dichten Pinienwälder und die berühmte Sandbank. Weniger schön ist der anschließende Slalom um die unzähligen Ankerlieger. Als wir am Steg ankommen, ist nur noch ein einziger Platz frei, in den aber just in dem Moment ein hochmotorisiertes Dinghi zur Passagierübergabe hineinschießt. Wir drehen eine Runde, Nane ruft Dogan an, und kaum haben wir aufgelegt, legt das Dinghi ab. Perfekt! Wir gleiten in die Lücke. Nane macht die Muring, Dirk den Rest – Anlegen, Achterleinen. Keine gerechte Arbeitsaufteilung, aber zu zweit ist es oft nicht anders machbar.

Festgemacht genießen wir unseren Kaffee und machen uns dann auf den Weg zum Bazaar. Unterwegs treffen wir Dogan, der gerade aus dem Restaurant kommt und uns erzählt, dass sie gleich mit 200 Autos losfahren, um die Braut abzuholen. Das Fest findet auf dem Marktplatz statt, wo jetzt noch der wöchentliche Markt stattfindet. Dazwischen wird aber schon für 3.000 Gäste gekocht! Wir schlendern über den Markt, kaufen Obst und Gemüse und bestaunen die riesigen Töpfe über offenem Feuer. Frauen schälen Kartoffeln, schneiden Zwiebeln, putzen Salat, während das Fleisch schmort. Alle sind schwer am Arbeiten, aber die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich – das wird eine Mega-Party!

Wir bestellen uns zwei Gözleme und setzen uns auf eine Bank am Ufer. Da hören wir plötzlich Deutsch. Eine türkische Familie aus Böblingen, die morgen nach vier Wochen Urlaub zurückfliegt. Auf dem Rückweg zum Boot kommt uns die Autokolonne entgegen, die die Braut abholt. Hupkonzert, Trommeln, laute Musik. Dogan winkt aus dem ersten Auto, und aus dem Brautauto ruft Birkan, den wir aus Ciftlik kennen, laut „Hallo Nane!“. Die Welt ist ein Dorf, und nach 20 Jahren in diesem Revier kennt man Gott und die Welt.

Zurück an Bord genießen wir die Gözleme, bevor es an den Pool geht. Dirk lässt die Drohne steigen und macht fantastische Aufnahmen. Dann der Schreckmoment: Nach dem Duschen kommt Dirk mit der Nachricht zurück, dass das Wasser weg ist. Gerade so hat er den Schaum aus den Haaren bekommen. Nane muss ihre geplante Haarkur verschieben. Zum Glück ist das Problem nach einer halben Stunde behoben. Der Nachmittag vergeht mit „Hafenkino“: Charter-Crews kommen an, arbeiten ihre Checklisten ab, zählen Löffel, während Einkaufswagen voller Bier und Wein über den Steg rollen. Wir sind dankbar, dass wir diesen Stress nicht mehr haben.

Um 19 Uhr ist es so weit. Wir haben uns schick gemacht und gehen zum Festplatz. Am Eingang werden wir herzlich von den Familien begrüßt. Wir setzen uns zu der Crew der „Magellan“ an einen der unzähligen Tische. Jeder Gast bekommt ein Tablett mit einem kompletten, köstlichen Menü. Kaum haben wir gegessen, taucht Mehmet auf und bedeutet uns, ihm zu folgen. Er führt uns in einen anderen Bereich, an einen Tisch, eingedeckt mit weißem Samt und Blumen. Wir staunen nicht schlecht, als uns Nüsschen, Haydari, Gurken, Trauben, Käse und eine große Flasche Raki mit Eis hingestellt werden. Wir sind sprachlos und fühlen uns unglaublich geehrt.

Kurz nach 20 Uhr zieht das Brautpaar unter Feuerwerk und tosendem Applaus ein. Die Band, eine coole Mischung aus traditionell und modern, spielt ohrenbetäubend laut und gibt alles – vor allem der Klarinettist! Später folgt die Zeremonie, bei der dem Brautpaar Geldscheine und Gold an Bänder gesteckt werden. Bei der schieren Menge an Gästen dauert das eine gefühlte Ewigkeit. Mehmet und Dogan legen noch einen traditionellen türkischen Tanz aufs Parkett – sehr cool anzusehen.

Wir verabschieden uns kurz vor Mitternacht. Das Tanzfieber hat uns zwar nicht gepackt, aber wir sind überwältigt von den Eindrücken. Noch am Steg hören wir die laute, fröhliche Musik vom Festplatz. Wir genießen den Sound noch einen Moment im Cockpit, bevor wir müde und glücklich ins Bett fallen. Was für ein unvergesslicher Tag.

Freitag, 18. September 2026 | In Bükü

Die Nacht an Deck war ruhig und der Sonnenaufgang, der uns weckt, entschädigt für jede einzelne unbequeme Stelle der Cockpitpolster. Auch Dirk wird langsam wach und wirkt erstaunlich erholt. Die Magenkrise scheint überstanden, auch wenn er zum Frühstück sicherheitshalber einen Tee statt Kaffee und ein Brot statt Müsli bestellt. „Aye Aye Sir, Euer Wunsch ist mir Befehl!“ Nane zaubert ein magenschonendes Mahl. Der Moment, in dem Dirk sich dann herzhaft Schinkenwurst auf sein Brot packt, ist die offizielle Entwarnung: Der Modus „magenschonend“ ist wieder zu „normal“ übergegangen.

Die Grillen zirpen, wir beobachten das Leben um uns herum. Die anderen Ankerlieger schnorcheln, angeln oder chillen. Bis auf das Angeln passt das auch für uns. Wir essen zwar gerne Fisch, aber selbst einen töten? Lieber nicht.

Gegen Mittag meldet sich bei Dirk ein kleiner Hunger. Der ultimative Test: Nane kocht Menemen, das türkische Rührei mit Tomaten und Paprika. Der Deal war: Wenn es ihm danach schlecht geht, fahren wir früher in die Marina nach Orhaniye. Aber: Er verträgt es bestens! Die Ankerbucht gehört uns für einen weiteren Tag.

Für heute ist etwas mehr Wind aus Nordwest angesagt. Das weckt Nanes Forschergeist. Sie starrt auf ihre Anker-App und analysiert unseren „Schwojekreis“ – also den Radius, in dem wir uns um den Anker bewegen. Der ist mit 38 Metern nicht zu unterschätzen. Obwohl wir auf 9 Metern geankert haben, kommen wir bei Zug auf der Kette dem Land schon recht nahe und haben nur noch 4,6 Meter Wasser unter dem Kiel. Bei 2 Metern Tiefgang ist das zwar völlig unbedenklich, aber Dirk wird langsam unruhig. „Was schaust du denn ständig auf diese App? Stimmt was nicht? Sollen wir uns verlegen?“ Aber Nane will einfach nur verstehen, wie sich das Boot bei den drehenden Winden verhält. Am Ende ist klar: Wir liegen in jede Richtung stabil. Alles passt.

Um sich vom ständigen Pendeln am Anker abzulenken, startet Nane unter Deck eine neue Mission: die Hochzeitskarte für morgen. Nach Mehmets Empfehlung sollen 2.000 Lira in den Umschlag. Einfach so reinstecken? Zu langweilig. Also wird eine YouTube-Anleitung zurate gezogen, wie man Geldscheine zu Herzen faltet. Es folgen mehrere Versuche. Dirk, der die Anleitung an Deck mithört, fragt besorgt, ob er helfen soll. „Nee, besser nicht.“ Am Ende ist Nane mit ihren Geld-Herzen zufrieden, schreibt einen schönen Text in die Karte und überlässt Dirk den anspruchsvollsten Teil des Jobs: seine Unterschrift.

Der Rest des Nachmittags folgt dem typischen Rhythmus eines Buchtentages: Musik hören, Hörbuch lauschen, schwimmen, in der Sonne trocknen, chillen. Außer, es gibt was zu reparieren. Eine Reparatur steht zwar nicht an, aber Dirk stört die Optik: Der Flugrost am Reling- und Bimini-Gestänge muss weg! Also wird die Polierpaste rausgeholt und alles auf Hochglanz gebracht, bis kein einziges Pünktchen mehr zu sehen ist. Interessanterweise kam seit seiner letzten Polier-Aktion im Juni niemand auf diese Idee…

Zum Abendessen gibt es einen leichten Tomatensalat mit Thunfisch und Zwiebeln, dazu aufgebackenes Fladenbrot. Dirks Magen meldet sich nicht. Magenkrise endgültig überstanden!

Wir genießen den Sonnenuntergang, beobachten den aufgehenden Mond und die Sterne. Dann beschließen wir, der Technik zu vertrauen. Die Anker-App ist so eingestellt, dass sie laut loshupt, falls wir unseren sicheren Bereich verlassen. Wie erwartet, bleibt der Alarm stumm, und wir schlafen die ganze Nacht herrlich durch.

Donnerstag, 17.09.2026 | In Bükü

Nach den windigen ersten Tagen und der kleinen Flottillenfahrt mit der „Sun Lark“ war der Plan für heute klar: Urlaub im Urlaub. Wir liegen in der wunderschönen Bucht In Bükü, genau gegenüber von Orhaniye, wo wir erst am Samstag sein müssen. Die perfekte Gelegenheit, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Die Wettervorhersage meldet viel Regen, also nutzen wir die trockene Phase am Morgen für ein klassisches Buchtenfrühstück im Cockpit: Nane macht Pfannkuchen mit der köstlichen Pflaumenmarmelade ihres Kollegen. Ein Genuss! Pünktlich nach dem letzten Bissen fängt es an zu regnen – Timing ist alles.

Wir ziehen uns unter Deck zurück und nutzen die Zeit für eine kleine Putz-Offensive. Die Bäder, die Kabinen, der Salon – alles wird nochmal auf Hochglanz gebracht. Schließlich soll sich unser Ehrengast Thomas, wenn er in der Nacht auf Montag ankommt, auf einem blitzblanken Schiff sofort wohlfühlen.

Mitten im Schrubben wird die Idylle jäh unterbrochen. Völlig unvorhergesagt kommt ein heftiger Wind aus Südost auf. Unser Boot beginnt am Anker zu „wandern“ und bewegt sich ein gutes Stück Richtung Nordwesten. Genau in die Richtung, in die wir den Anker geworfen haben – hoffentlich reißt er nicht aus! Wie auf Kommando sind alle Skipper an Deck, die Blicke kritisch auf die eigene Ankerkette, die Nachbarn und den Himmel gerichtet. Draußen im Hisarönü-Golf stehen weiße Schaumkronen, der Himmel ist pechschwarz und es schüttet wie aus Kübeln. Ein Moment, in dem uns sofort unser Freund ZR in den Sinn kommt, der jetzt mit Sicherheit sagen würde: „Gehe segeln, haben sie gesagt, da ist schön Wetter haben sie gesagt, da hast du blauen Himmel haben sie gesagt, und jetzt das…..“ Nane starrt auf die Anker-App, aber wir pendeln uns ein und bleiben stabil. Gott sei Dank.

Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei. Der Wind legt sich, der Regen hört auf. Wenn man bedenkt, dass für diese Woche ursprünglich mal ein Wirbelsturm vorhergesagt war, ist das Ganze nochmal glimpflich ausgegangen. Das heftige Gewitter ist Richtung Marmaris gezogen, nicht zu uns. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, was für ein Glück wir hatten: In Fethiye stehen nach sintflutartigen Regenfällen die Straßen unter Wasser. Die Videos sind übel.

Nach dem Adrenalin-Schub der letzten Stunden erholen wir uns an Deck. Auf Dirks Frage, was es zum Abendessen geben soll, schlägt Nane Schinkennudeln vor. Doch irgendwie hat Dirk heute eine andere Mission. Ihn packt die unbändige Lust auf Süßes. Kurzerhand verwandelt er die restlichen Pfannkuchen vom Morgen in einen opulenten „Nutella-Bananen-Traum“. Danach sind wir pappsatt. Das Thema Abendessen hat sich erledigt.

Doch das viele Süß rächt sich. Zwei Stunden später windet sich der Skipper mit heftigen Magenschmerzen im Cockpit. Er lehnt alles ab, was Nane ihm zur Linderung anbietet – Tee, Schnaps, gute Worte – und leidet still und sichtlich vor sich hin. In solchen Momenten stellt sich die Frage, für wen es eigentlich schlimmer ist: für den, der die Schmerzen hat, oder für den, der helfen will, aber hilflos danebensteht. Nane würde am liebsten tauschen, aber das geht nicht.

Irgendwann schläft Dirk erschöpft im Cockpit ein. Nane deckt ihn sorgfältig zu und leistet ihm Gesellschaft. Man weiß ja nie. Sollte es schlimmer werden, müsste sie aus dem nahen Orhaniye Hilfe organisieren. Aber Dirk schläft tief und fest. Und wie hat Nanes Mama schon immer gesagt? „Schlafen heilt.“ Also lässt sie ihn schlafen, hört leise Musik und schaut in den unendlichen Sternenhimmel, bis auch ihr irgendwann die Augen zufallen.