Montag, 21.09.2026 | Orhaniye – Kuruca Bükü | 17,83 nm

Nach der sehr kurzen Nacht schlafen wir heute ausnahmsweise mal etwas länger. Als Nane den Kaffee aufsetzt und alles für ein kräftiges Menemen vorbereitet, macht sich Dirk auf den Weg zum Bäcker, um frisches Brot zu holen. Unser Ehrengast Thomas hat die erste, wenn auch kurze, Nacht an Bord der Pura Vida gut überstanden und fühlt sich erstaunlich fit.

Wir genießen ein ausgiebiges Frühstück an Deck mit allem, was dazugehört: Menemen, Schafskäse, Tomaten, Gurken, Joghurt, Honig und natürlich viel zu erzählen. Gegen Mittag wollen wir los, um eine unserer absoluten Lieblingsbuchten anzusteuern: Kuruca Bükü. Wir müssen das ruhigere Wetter der nächsten beiden Tage noch ausnutzen, bevor der Wind uns wieder an einen sicheren Steg oder eine Boje zwingt.

Nach einer herzlichen Verabschiedung von Dogan und einem letzten Dank für die Einladung zur Hochzeit machen wir uns klar zum Ablegen. Kurz vor uns legt eine kleine Yacht ab – ein Anblick, der uns den Atem anhalten lässt. Ein 82-jähriger Franzose als Skipper und seine Freundin, eine Portugiesin, die offensichtlich keine Ahnung vom Segeln hat. Das Manöver ist ein einziges Abenteuer. Er kommt quer auf uns zu, wir müssen mit Fendern verhindern, dass er mit unserem Anker kollidiert. Sie trägt eine Schwimmweste, und wir alle haben leise Zweifel, ob das gut geht, wenn die beiden da draußen auf sich allein gestellt sind. Aber das müssen sie selbst wissen.

Als der erste Wind aufkommt, legen auch wir ab. Direkt nach der Marina setzen wir das Großsegel, im Hisarönü-Golf kommt die Genua dazu. Anfangs haben wir guten Wind und kreuzen auf, doch dann schläft er ein. Mit nur noch 2,5 Knoten Fahrt ist vor allem eines gefragt: Geduld, die wichtigste Tugend des Seglers. Auf Höhe der Insel Dislice Adasi frischt der Wind wieder auf, und wir können herrlich aufkreuzen. Um 16 Uhr gleiten wir in die Bucht von Kuruca und der Anker fällt auf perfektem Sandgrund in 9 Metern Tiefe. Der Anker wird sorgfältig eingefahren – unser Segellehrer an Bord ist sichtlich zufrieden. Das Manöver wird mit einem wohlverdienten Anlegerschluck besiegelt.

Jetzt wird aber erst mal gebadet! Das Wasser ist herrlich. Und dann geschieht das Unglaubliche: Sogar unser Thomas wagt den Sprung ins kühle Nass! Seine Frau kommentiert das Beweisfoto später mit den Worten: „Es geschehen noch Wunder.“

Während wir uns erfrischen, beginnt Nane mit dem Abendessen. Heute auf dem Plan: Nudelsalat nach Lenkas Geheimrezept mit gebratener Putenbrust, die sie morgens noch im Migros besorgt und mariniert hat. Wir genießen das köstliche Essen an Deck, umgeben von der friedlichen Atmosphäre der Bucht. Die Jungs sind glücklich und zufrieden, und Nane ist es auch.

Ein perfekter erster Segeltag mit unserem alten Lehrmeister geht zu Ende. Genau so haben wir uns das vorgestellt.

Sonntag, 20.09.2026 | Orhaniye

Wir schlafen tief und fest, während ein leichter Westwind für eine herrliche Brise in der Kabine sorgt. Die Nacht nach der großen Hochzeit war erholsam. Nane ist wie immer die Erste, die wach ist, knipst ein Foto vom Sonnenaufgang und legt sich dann aber direkt wieder hin. Gegen halb neun wird Dirk sanft aus dem Schlaf motiviert. Der Plan: ein Morgenspaziergang zu dem kleinen Bäcker hinter dem Marktplatz, um frische Simit (türkische Sesamringe) für das Frühstück zu holen. Wir sind zutiefst beeindruckt, wie schnell und effizient der riesige Festplatz vom Vorabend aufgeräumt wird. Kaum zu glauben, dass hier vor wenigen Stunden noch 3.000 Menschen gefeiert haben.

Zurück an Bord gibt es ein Festmahl: frische Simit, Tomaten, Gurken, Frischkäse, Spiegeleier, Orangensaft, Joghurt und Honig. Wer von uns was isst, kann man sich an dieser Stelle wohl denken – der eine magenschonend, der andere herzhaft.

Nach dem Frühstück geht es an die Arbeit. Es gibt noch ein paar kleine Reparaturen zu erledigen, und Nane will die Cockpit-Polster schrubben. Die Luft ist windstill und drückend schwül, aber die Aussicht auf eine Abkühlung im Pool des Restaurants ist Motivation genug. Außerdem müssen wir noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen und den Abwassertank leeren lassen, um ein neues Zertifikat für die nächsten 14 Tage zu bekommen. Was erledigt ist, ist erledigt.

Am Nachmittag kommt unser Freund Hansi mit seiner „Il Sogno“ in die Bucht und macht am Steg gegenüber bei Ersoy fest. Wir nutzen die Gelegenheit für eine ausgiebige Pause am Pool und eine lange Dusche. Danach geht es rüber zu Hansi, wo wir bei einem Drink an Bord den neuesten Tratsch austauschen und anschließend gemeinsam essen gehen. Der Abend vergeht wie im Flug.

Zurück auf der Pura Vida beginnt der spannendste Teil des Tages: das große Warten. Unser Freund und ehemaliger Segellehrer Thomas soll um 0:55 Uhr in Dalaman landen. Birkan, der auch gestern das Brautpaar gefahren hat, wird ihn vom Flughafen abholen. Dirk hat den Flugtracker der SunExpress-Maschine fest im Blick und verkündet die frohe Botschaft: Der Flieger ist schon um 23:30 Uhr gelandet – perfekt! Zwanzig Minuten später die nächste Info: Thomas sitzt im Transferbus. Die Anspannung steigt.

Kurz vor 2 Uhr morgens ist es dann so weit. Er ist da! Wir begrüßen ihn herzlich am Eingang des Palmiye Restaurants, drücken Birkan die vereinbarten 100 Euro für den Transfer in die Hand und bedanken uns für den sicheren Transport.

Endlich an Bord! Die Wiedersehensfreude ist riesig. Bei ein, zwei (oder vielleicht auch drei) Begrüßungs-Schorlen wird geredet, gelacht und auf die kommenden Wochen angestoßen. Wir quatschen bis 4 Uhr morgens, bis uns allen die Augen zufallen. Die Müdigkeit siegt, aber das ist egal.

Unser „Klassentreffen auf See“ hat offiziell begonnen. Der Käpt’n ist an Bord.

Samstag, 19.09.2026 | In Bükü – Orhaniye | 3,54 nm

Heute ist der Tag, auf den wir uns schon seit Wochen freuen. Es geht nach Orhaniye, nicht nur, um unsere Vorräte aufzufüllen, sondern vor allem, weil wir zu einer türkischen Hochzeit eingeladen sind. Eine Einladung, die uns mit Stolz erfüllt und uns tief berührt. Es ist ein Privileg, an einem so persönlichen und riesigen Fest teilhaben zu dürfen. Dilek und Hassan (der Sohn von Dogan) heiraten.

Wir wollen schon um 10 Uhr am Steg des Palmiye Restaurants sein, denn die To-Do-Liste ist lang: auf den Bazaar, Wasser tanken, Abwassertank leeren, den Müll wegbringen und vielleicht noch eine Runde am Pool entspannen. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Müll man auf einem Schiff produziert!

Nach einem schnellen Müsli und einem letzten Sprung ins Wasser tuckern wir bei spiegelglatter See gemütlich Richtung Orhaniye. Die Einfahrt ist jedes Mal wieder atemberaubend: die majestätischen Berge, die alten Burgruinen, die dichten Pinienwälder und die berühmte Sandbank. Weniger schön ist der anschließende Slalom um die unzähligen Ankerlieger. Als wir am Steg ankommen, ist nur noch ein einziger Platz frei, in den aber just in dem Moment ein hochmotorisiertes Dinghi zur Passagierübergabe hineinschießt. Wir drehen eine Runde, Nane ruft Dogan an, und kaum haben wir aufgelegt, legt das Dinghi ab. Perfekt! Wir gleiten in die Lücke. Nane macht die Muring, Dirk den Rest – Anlegen, Achterleinen. Keine gerechte Arbeitsaufteilung, aber zu zweit ist es oft nicht anders machbar.

Festgemacht genießen wir unseren Kaffee und machen uns dann auf den Weg zum Bazaar. Unterwegs treffen wir Dogan, der gerade aus dem Restaurant kommt und uns erzählt, dass sie gleich mit 200 Autos losfahren, um die Braut abzuholen. Das Fest findet auf dem Marktplatz statt, wo jetzt noch der wöchentliche Markt stattfindet. Dazwischen wird aber schon für 3.000 Gäste gekocht! Wir schlendern über den Markt, kaufen Obst und Gemüse und bestaunen die riesigen Töpfe über offenem Feuer. Frauen schälen Kartoffeln, schneiden Zwiebeln, putzen Salat, während das Fleisch schmort. Alle sind schwer am Arbeiten, aber die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich – das wird eine Mega-Party!

Wir bestellen uns zwei Gözleme und setzen uns auf eine Bank am Ufer. Da hören wir plötzlich Deutsch. Eine türkische Familie aus Böblingen, die morgen nach vier Wochen Urlaub zurückfliegt. Auf dem Rückweg zum Boot kommt uns die Autokolonne entgegen, die die Braut abholt. Hupkonzert, Trommeln, laute Musik. Dogan winkt aus dem ersten Auto, und aus dem Brautauto ruft Birkan, den wir aus Ciftlik kennen, laut „Hallo Nane!“. Die Welt ist ein Dorf, und nach 20 Jahren in diesem Revier kennt man Gott und die Welt.

Zurück an Bord genießen wir die Gözleme, bevor es an den Pool geht. Dirk lässt die Drohne steigen und macht fantastische Aufnahmen. Dann der Schreckmoment: Nach dem Duschen kommt Dirk mit der Nachricht zurück, dass das Wasser weg ist. Gerade so hat er den Schaum aus den Haaren bekommen. Nane muss ihre geplante Haarkur verschieben. Zum Glück ist das Problem nach einer halben Stunde behoben. Der Nachmittag vergeht mit „Hafenkino“: Charter-Crews kommen an, arbeiten ihre Checklisten ab, zählen Löffel, während Einkaufswagen voller Bier und Wein über den Steg rollen. Wir sind dankbar, dass wir diesen Stress nicht mehr haben.

Um 19 Uhr ist es so weit. Wir haben uns schick gemacht und gehen zum Festplatz. Am Eingang werden wir herzlich von den Familien begrüßt. Wir setzen uns zu der Crew der „Magellan“ an einen der unzähligen Tische. Jeder Gast bekommt ein Tablett mit einem kompletten, köstlichen Menü. Kaum haben wir gegessen, taucht Mehmet auf und bedeutet uns, ihm zu folgen. Er führt uns in einen anderen Bereich, an einen Tisch, eingedeckt mit weißem Samt und Blumen. Wir staunen nicht schlecht, als uns Nüsschen, Haydari, Gurken, Trauben, Käse und eine große Flasche Raki mit Eis hingestellt werden. Wir sind sprachlos und fühlen uns unglaublich geehrt.

Kurz nach 20 Uhr zieht das Brautpaar unter Feuerwerk und tosendem Applaus ein. Die Band, eine coole Mischung aus traditionell und modern, spielt ohrenbetäubend laut und gibt alles – vor allem der Klarinettist! Später folgt die Zeremonie, bei der dem Brautpaar Geldscheine und Gold an Bänder gesteckt werden. Bei der schieren Menge an Gästen dauert das eine gefühlte Ewigkeit. Mehmet und Dogan legen noch einen traditionellen türkischen Tanz aufs Parkett – sehr cool anzusehen.

Wir verabschieden uns kurz vor Mitternacht. Das Tanzfieber hat uns zwar nicht gepackt, aber wir sind überwältigt von den Eindrücken. Noch am Steg hören wir die laute, fröhliche Musik vom Festplatz. Wir genießen den Sound noch einen Moment im Cockpit, bevor wir müde und glücklich ins Bett fallen. Was für ein unvergesslicher Tag.