Mittwoch, 10.06.2026 | Serce Limani – Ciftlik | 14,19 nm

Wir werden von einem Geräusch wach, das so gar nicht in die idyllische Morgenstimmung von Serce Limani passt. Es klingt wie ein pfeifender Wasserkessel, aber da ZR noch leise vor sich hin schnarcht, kann das nicht die Ursache sein. Die Auflösung folgt prompt: Es ist Heinz vom Nachbarboot, der morgens um 7:30 Uhr seine kleine Drohne startet. ZR wacht augenblicklich knötterig auf. Das ist definitiv nicht seine bevorzugte Methode, um geweckt zu werden, vor allem, wenn der Kaffee noch nicht mal fertig ist. Ein leises “Bruddeln” ist zu vernehmen.

Nane macht sich auf den Weg, um Brot zu kaufen, aber bei Kaptan Nemo gibt es nur das Standard-Brot von gestern. Sie verzichtet dankend. Doch der Wirt, ruft kurzerhand eines der schwimmenden Shopping-Boote herbei, das uns ein frisches Brot verkauft. Das Frühstück ist gerettet!

Kurz vor 9 Uhr legt die Il Sogno ab. Hansi will bei Captain’s Table frühstücken und bei einer Reisegeschwindigkeit von 11 Knoten ist das auch in flotten 1,5 Stunden zu schaffen. Wir verabschieden uns wortreich und winken, bis sie um die Ecke verschwinden. Schön zu wissen, dass wir uns im Spätsommer wiedersehen. Nane bekommt noch die Drohnenbilder von Heinz zugeschickt – damit hat sich das nervige Weckgeräusch wenigstens gelohnt.

Kurz vor 11 Uhr legen auch wir ab. Kurs: Ciftlik. Wir hoffen auf den Wind vom Vortag und tatsächlich werden wir nicht enttäuscht. Mit 10 Knoten achterlichem Wind können wir gemütlich Richtung Ziel halsen.

Als wir kurz vor 15 Uhr am Steg des Deniz Restaurants ankommen, pfeift der Wind zwar ordentlich, aber er kommt direkt von achtern, was das Anlegen erleichtert. Nane verschwindet direkt in der Pantry, um unter dem Motto #aufessen einen Anleger-Snack zuzubereiten: Zucchini und Kartoffeln aus dem Backofen mit Joghurt und dem frischen Portulak von Sailors Paradise. Während das im Ofen brutzelt, bleibt genug Zeit für eine Runde Schwimmen. Am Steg nebenan übt eine russische Crew bei dem Wind An- und Ablegemanöver, bis die Mädels an Bord sichtlich die Lust verlieren und von Bord gehen.

Wir füllen Wasser auf, genießen den Wind, der die Hitze erträglich macht, und ZR kocht noch eine Runde Kaffee. Dirk kehrt vom Duschen mit einem Magnum-Eis für jeden zurück und Nane kündigt einen “Viertelstunden-Power-Nap” an. Dirk und ZR sind sich sicher, dass daraus mindestens zwei Viertelstunden werden.

Gegen 19:30 Uhr geht es zum Essen. Die Jungs schlagen bei Köfte und Chicken-Sis zu, Nane bleibt den Vorspeisen treu. Wir sitzen diesmal draußen, da es unter dem Dach des Restaurants zu warm ist, und genießen den Abend. Die Gewissheit, dass wir in bereits 93 Tagen wieder hier sein werden, macht den Abschied leicht.

Zurück an Bord läuft der #austrinken-Modus auf Hochtouren. ZR und Nane bekommen Weißweinschorle, Dirk eine Fanta – davon haben wir noch reichlich. Irgendwann übermannt uns die Müdigkeit und wir verziehen uns in die Kojen.

Dienstag, 09.06. 2026 | Kuruca Bükü – Serce Limani | 19,54 nm

Der Morgen steht ganz im Zeichen des #aufbrauchen-Modus. Es gibt Suzuk mit Ei zum Frühstück. Die Wurst ist den Jungs allerdings eine Spur zu scharf – die andere Hälfte wird daher feierlich dem Meer übergeben. Dazu gibt es aufgebackenes Brot und Simit. Wir genießen die Ruhe und Nane erklärt Kuruca Bükü offiziell zu ihrer neuen Lieblingsbucht. Da wir uns aber für den Nachmittag in Serce Limani verabredet haben, müssen wir uns losreißen.

Um 10:30 Uhr starten wir die Operation “Anker auf”. Das ist heute leichter gesagt als getan. Irgendwie hat es der Anker geschafft, sich kunstvoll in seiner eigenen Kette zu verfangen. Ein Manöver, das physikalisch eigentlich unmöglich sein sollte. Während Nane ans Steuer geht, lösen die Jungs das gordische Knoten-Problem mit dem Anker-Klarierhaken und vereinten Kräften.

Motiviert setzen wir die Segel, aber bei 2,5 Knoten Fahrt sind die 20 Seemeilen bis Serce Limani eine Lebensaufgabe. Also: Motor an und auf später hoffen. Wir queren den Hisarönü, dann den Yesilova – kein Wind. Erst kurz vor Kap Karaburun können wir endlich die Genua setzen. Und dann passiert’s: Entgegen aller Vorhersagen frischt der Wind auf 15 bis 16 Knoten auf! Wir fliegen förmlich Richtung Ziel und erreichen die Einfahrt von Serce Limani, die sich wie ein Geheimversteck erst im letzten Moment zeigt, pünktlich kurz vor 15 Uhr.

In der Bucht selbst pfeift der Wind kräftig aus West. Dirk hat alle Hände voll zu tun, die Pura Vida in der engen Bucht zu wenden und rückwärts an den Steg zu manövrieren. Hansi steht mit seiner “Il Sogno” schon bereit, die Crew von Kaptan Nemo nimmt die Leinen entgegen – bei dem Wind muss alles schnell gehen, aber wir sind ein eingespieltes Team.

Kaum ist der Motor aus, entert die Crew der Il Sogno unser Cockpit. Nane muss kleinlaut zugeben, kein kühles Bier mehr zu haben, aber Hansi, Heinz und Marion haben vorausschauend ihr eigenes mitgebracht. Dazu gibt es Salami, Käsewürfel und Cracker. Es wird gequatscht, gelacht und alle reden durcheinander – herrlich! Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Marion ist die Leidtragende des Mücken-Sommers: Sie hat 150 Mückenstiche und sieht aus wie ein Streuselkuchen, während alle anderen verschont bleiben. Sie scheint für die türkischen Mücken eine besondere Delikatesse zu sein.

Der Wind bläst immer noch, aber die Muringleinen halten bombenfest. Hansi drückt Nane einen seiner Mini-Tauchscooter in die Hand – zum Spielen für den Rest des Törns. Genial! ZR probiert ihn sofort aus und muss nach dem ersten Vollgas-Stoß in Stufe 3 erstmal seine Badehose retten, bevor sie sich selbstständig macht.

Die Bucht ist landschaftlich der absolute Wahnsinn. Man fühlt sich wie in einem Karl-May-Film und wartet förmlich darauf, dass oben auf den Felsen Indianer mit Pfeil und Bogen auftauchen. Dirk lässt die Drohne steigen und macht atemberaubende Bilder.

Um 19 Uhr geht’s gemeinsam zum Essen zu Kaptan Nemo. Das Essen ist einfach, aber gut: Köfte, Tavuk Sis, Salat – es schmeckt. Wir sitzen noch lange zusammen, bis wir zurück an Bord gehen. In der Ferne blöken die wilden Esel, die Möwen schreien – eine perfekte Geräuschkulisse. Mit einem letzten Raki in der Hand lassen wir den Abend ausklingen, bevor wir müde, aber glücklich in die Kojen fallen.

Montag, 08.06.2026 | Orhaniye – Karasüleyman Bükü – Kuruca Bükü | 12,3 nm

Nane ist früh wach. Sehr früh. Der Grund ist eine einzelne Mücke, die beschlossen hat, heute Nanes persönlicher Endgegner zu sein. Immer, wenn der Schlaf zum Greifen nah ist, startet sie einen sirrenden Tiefflugangriff auf Nanes Ohr. Wer wach ist, kann auch nützlich sein, also wird Wasser aufgesetzt und Kaffee gekocht. So kommt ZR heute mal wieder in den Genuss eines servierten Kaffees. Zum Frühstück gibt es Spiegelei und aufgebackenes Brot. Ein Blick in die Vorräte zeigt: Wir müssen bisschen was einkaufen.

Die erste Mission des Tages: Gas! Nane fährt mit Dogan zu einem kleinen Market und tauscht die leere Flasche gegen eine volle – passt. Direkt daneben hat eine Bäckerei auf, also landen kurzerhand noch Apfeltaschen und Simit in der Tasche. Die Jungs werden sich freuen. Nach einem Einkauf im A101 und Migros sind wir für den Rest des Törns gerüstet.

Orhaniye ist ein super Ort für einen Crew-Wechsel und bei viel Wind ein sicherer Hafen, aber bei Flaute und Sonne wird es schnell warm und zur Mücken-Falle. Wir verabschieden uns von Dogan und legen ab. Der Plan: zurück in eine Bucht, Ruhe, selber kochen. Der Wind hat heute allerdings komplett gekündigt. So gar kein Wind. Also steuert Dirk erstmal Nanes alte Lieblingsbucht an: Karasüleyman Bükü, für einen kurzen Bade-Stopp.

Kaum sind wir erfrischt, kommt ein Hauch von Wind auf. Da wir uns morgen mit der “Il Sogno” in Serce Limani treffen wollen, nutzen wir jede Chance. Anker auf und ab in den Hisarönü-Golf. Wir kreuzen auf und befinden uns offiziell im “Slow-Motion-Modus”. Nane rechnet laut nach: Mit 2,5 Knoten Fahrt ist die Pura Vida kaum schneller als ein Fußgänger. Wir spazieren also förmlich durch den Golf.

Als wir endlich in Kuruca Bükü ankommen, liegen schon einige Boote hier. Nachdem das erste Ankermanöver an Nanes fehlender Rückmeldung, wie es mit dem Anker aussieht scheitert und der Anker slippt, tauschen Nane und Dirk die Plätze. Nochmal und dann mit 2000 Umdrehungen rückwärts eingegraben, sitzt das Ding. Schön, wieder hier zu sein.

Nach einem Anleger-Shandy geht’s ins Wasser. Unweit von uns versucht das Skipper-Pärchen der “Fuchur”, zu zweit auf einem Stand-Up-Paddleboard zu balancieren – ein Manöver, das eher an eine Zirkusnummer als an Wassersport erinnert. Sie nehmen es mit Humor, fallen ins Wasser und wir kommen ins Quatschen. Die beiden sind schon in Rente und können monatelang hier segeln. Eine wunderschöne Vorstellung.

Zum Abendessen gibt es Bruschetta und Pasta à Limon (nach Andreas Rezept). Köstlich. Wir genießen den Sonnenuntergang und gehen noch eine letzte Runde schwimmen. ZR meint geheimnisvoll, er müsse Nane noch etwas erzählen, aber erst, wenn sie wieder aus dem Wasser ist – okay. Da er nicht rausrücken will, was los ist, siegt Nanes Neugier und sie klettert zurück an Bord. Die große Enthüllung: Er hat einen Spiegel-Artikel gelesen, dass im Mittelmeer (zwar in Spanien) ein Weißer Hai gesichtet wurde.

Nane googelt sofort. Paniklevel steigt. Es soll 250 Exemplare geben. Aber: noch nie einen Angriff auf einen Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist höher. Trotzdem: Wir sind die Generation, die “Der Weiße Hai” als einen der ersten 3D-Filme im Kino gesehen hat. Diese Ur-Angst sitzt tief.

Nachdem wir nun alles über den Weißen Hai im Mittelmeer wissen, was Google hergibt, und uns gegenseitig versichern, wie unwahrscheinlich alles ist, verschwinden wir irgendwann – vielleicht doch etwas schneller als sonst – in den Kojen.