Montag, 14.09.2026 | Bozukkale – Sögüt | 17,67 nm

Der Wind war unser ständiger Begleiter in der Nacht. Er hat so kräftig durchgeblasen, dass wir immer wieder wach waren. Als Nane mal wieder für ein paar Sonnenaufgangsbilder aufsteht, ist an Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Also ergibt sie sich ihrem Schicksal und kocht den ersten Kaffee des Tages. Ein Blick auf die Wetter-Apps sorgt für die übliche Verwirrung: Windy verspricht uns eine gemütliche Flaute auf dem Weg nach Sögüt, während Windhub satte 20 Knoten Wind vorhersagt. Die Wahrheit liegt wie immer wohl irgendwo dazwischen. Zum Frühstück gibt es nur Müsli, Kaffee und Orangensaft. Nane ist heute sogar das Müsli zu viel – eine direkte Folge der unruhigen Nacht.

Die Boote liegen dicht an dicht am Steg von Sailors House, und der heulende Wind macht wenig Lust auf ein morgendliches Bad. Das vertagen wir lieber auf Sögüt. Stattdessen quatschen wir mit unseren Nachbarn, der Crew der „Sun Lark“. Auch sie wollen heute nach Sögüt, allerdings ins Octopus-Restaurant. Wir stellen fest: allesamt Daimler-Mitarbeiter aus der Entwicklung. ZR wäre im Paradies gewesen, es ist genau seine Welt.

Wir begleichen unsere Rechnung, trinken noch einen Çay, dann noch einen und geben Murat Bescheid, dass wir in 20 Minuten ablegen. Die Achterleinen sind hier um dicke Holzpfähle geschlungen, die sich gerne mal verhaken. Wir bitten ihn daher, beim Ablegen am Steg zu sein, was er wie immer zusagt. Zurück an Bord wird alles seefest verstaut – fliegende Tablets soll es heute nicht geben. Beim Ablegen helfen die Nachbarn mit den Fendern, während Nane die Muringleine bedient. In solchen Momenten wünscht man sich wirklich, man könnte sich klonen.

Kaum sind wir aus der Bucht raus, packt der Wind richtig zu. Nane entscheidet, heute nur mit der Genua zu segeln. Die richtige Entscheidung? Wir schießen sofort mit 7,5 Knoten Fahrt los und es macht einen Heidenspaß. Wir cruisen Richtung Symi, doch plötzlich sitzen wir fest – in einem der berüchtigten Windlöcher zwischen der griechischen Insel und dem türkischen Festland. Mist. Also: Motor an und hoffen. Hätten wir doch das Großsegel setzen sollen? Doch die Zweifel verfliegen schnell. Nach nur 20 Minuten ist der Wind wieder da, und zwar mit voller Wucht! Die inzwischen ebenfalls ausgelaufene „Sun Lark“ hat ihr Großsegel oben und krängt ordentlich in den Böen. Unsere Genua-Strategie war also doch nicht so schlecht, denn sobald wir in den Yesilova-Golf abbiegen, haben wir den Wind ohnehin von achtern.

Im Golf zieht die 57 Fuß lange „Sun Lark“ dann aber an uns vorbei. Tja, Länge läuft eben doch. Die achterliche Welle, die hier normalerweise schwächer wird, hat heute keine Lust dazu. Im Gegenteil, sie baut sich weiter auf und schiebt uns kräftig Richtung Ziel. Das Geschaukel ist nicht gerade angenehm, aber ändern können wir es nicht.

Kurz vor 15 Uhr erreichen wir den Steg von Captain’s Table. Und wie es das ungeschriebene Gesetz des Segelns will, gibt der Wind genau im Moment des Anlegemanövers nochmal richtig Gas. Doch Sabit ist wie immer zur Stelle, springt vom Nachbarboot auf die Pura Vida und macht unsere Muringleine fest . Wir bekommen bei dem Wind für die Nacht gleich zwei davon – sicher ist sicher. Die Wiedersehensfreude mit der Familie ist groß. Wir erfahren, dass für Öykü heute der erste Tag an der weiterführenden Schule in Bozburun war. Wir sind schon gespannt, was sie heute Abend erzählen wird.

Wir gönnen uns den obligatorischen Obstsalat, bevor es zum Schwimmen geht. Das Wasser ist durch den Wind ziemlich „kapplig“ und die Wellen spritzen einem ins Gesicht. Dirks trockener Kommentar: „Heute ist bei dir wohl Duschen mit Haarewaschen angesagt.“ Na klar. Die anschließende warme Dusche tut der salzigen Haut unendlich gut. Nane hatte heute übrigens extra ihr UV-Shirt an – Frau Doktor hat vor zu viel Sonne gewarnt, und wir hören ja (meistens).

Der Nachmittag vergeht wie im Flug: Dirk lässt die Drohne steigen, Nane schreibt am Blog. Wir gehen früher zum Abendessen, denn um 19 Uhr deutscher Zeit haben wir einen wichtigen Videocall. Norbert, einer unserer Miteigner, möchte seinen Drittel-Anteil an der Pura Vida aus Alters- und Gesundheitsgründen verkaufen. Der Call mit den Interessenten verläuft trotz wackeliger Internetverbindung erfolgreich. Nun geht es darum, Besichtigungstermine zu finden, denn niemand kauft ein Schiff, ohne es gesehen zu haben.

Nach getaner „Arbeit“ besuchen wir die Crew auf der „Sun Lark“, werden auf einen Gin Tonic eingeladen und verquatschen uns bis Mitternacht. Morgen wollen wir uns im Sailors Paradise nochmal treffen, bevor es für diese super sympathische Crew schon wieder zurück nach Marmaris geht. Als wir zu unserem Steg zurückkehren, ist alles still. Die Crews der Boote neben uns schlafen schon tief und fest. Das haben wir jetzt auch vor.

Sonntag, 13.09.2026 | Ciftlik – Bozukkale | 22,06 nm

Der frühe Vogel kann uns mal. Nane ist zwar kurz wach, um ein traumhaftes Foto vom Sonnenaufgang zu schießen, aber danach wird sich sofort wieder in die Koje gemummelt – es ist definitiv zu früh für jegliche Art von Aktivität. Gegen halb neun sind wir dann aber bereit für den ersten Kaffee des Tages, und der tut richtig gut. Wir kommen mit unserer netten Nachbar-Crew ins Gespräch, die ebenfalls Kurs auf Bozukkale und das Sailors House nehmen will. Wie klein die Welt ist: Sie kommen aus der Gegend um Leinfelden und Karlsruhe. Da Nane früher selbst in Grünwettersbach gewohnt hat, ist die Freude über den heimatlichen badischen Dialekt riesig.

Nach Kaffee und Müsli bezahlen wir unsere Rechnung, trinken noch einen schnellen Çay und schmieden den Schlachtplan für den Tag. Nane ist da unerbittlich: Spätestens um 11 Uhr müssen die Leinen los! Der Grund ist eine berüchtigte, fiese Welle, die sich am Nachmittag zuverlässig zwischen Rhodos und dem türkischen Festland aufbaut. Eine Welle, die in der Vergangenheit schon etliche unserer Crew-Mitglieder zu unfreiwilligen „Reling-Hängern“ gemacht hat. Dieses Schicksal wollen wir uns heute ersparen. Kurz vor 11 legen wir ab und verabschieden uns von unseren Nachbarn – man sieht sich!

Die ersten 50 Minuten tuckern wir unter Motor, doch dann erwacht der Wind zum Leben. Zeit, die Segel zu setzen! Mit dem ersten Reff im Groß und in der Genua gehen wir auf einen Amwindkurs. Es ist immer wieder unglaublich, wie souverän die Pura Vida mit ordentlich Wind umgeht. Selbst gerefft jagen wir mit über 8 Knoten durchs Wasser – ein sensationeller Start in den ersten richtigen Segeltag. Der Pura Vida haben wir damit auch gleich mal eine ordentliche Salzdusche verpasst.

Nane lässt die Pura Vida laufen, hält Kurs auf Rhodos, um mit nur einer einzigen Wende perfekt in die Bucht von Bozukkale segeln zu können. Dabei hat sie am Steuer ganz schön gegen die hohen Wellen und die immer wieder einfallenden Böen zu kämpfen. Der Wind legt weiter zu, und bei 26 Knoten scheinbarem Wind muss die Genua sogar noch ein weiteres Stück eingerollt werden. In der Kabine macht sich die Schräglage bemerkbar: Mit einem lauten Scheppern verabschieden sich die Tabletts aus ihrem Fach unter dem Backofen und verteilen sich auf dem Boden. Ein klares Zeichen, dass wir ordentlich unterwegs sind!

Um 14 Uhr erreichen wir die Einfahrt von Bozukkale und bergen die Segel. Ganz so windstill wie erhofft ist es in der Bucht leider nicht, aber wir kommen gut an den Steg vom Sailors House, wo uns Murat schon erwartet und die Achterleinen entgegennimmt. Fest. Durchatmen.

Kurz nach uns läuft auch die „Sun Lark“ unserer Nachbarn ein. Sie mussten das letzte Stück gegen die Welle anmotoren, und ja, es hat ein Crew-Mitglied erwischt. Liebe Grüße an Bea, Nicky, Chris und Fabi – ihr seid in guter Gesellschaft, dieses Stück See ist einfach nicht ohne!

Als Belohnung für die gelungene Überfahrt gönnen wir uns einen Anleger-Obstsalat mit Joghurt und Honig. Wir teilen unsere Wassermelone mit den Nachbarn und genießen den Nachmittag. Dirk nutzt die Zeit, um die Schiffsschraube von ein paar Pocken zu befreien, und wir alle freuen uns über die angenehme Wassertemperatur – schon deutlich wärmer als im Juni, aber immer noch herrlich erfrischend. Die Nachbar-Crew lässt ihre Drohne steigen und Nane bekommt die spektakulären Luftaufnahmen direkt per Airdrop zugeschickt – genial!

Zum Sundowner sind wir auf die Sun Lark zu einem Aperol Spritz eingeladen. Eine tolle Geste, vielen Dank nochmal, er war köstlich! Im Restaurant werden wir freudig von Mustafa begrüßt. Es ist schön zu sehen, dass er wieder präsenter für seine Gäste ist – für uns ist er einfach das Gesicht und die Seele vom Sailors House. Das Abendessen – Shrimps in Knoblauchbutter und gegrilltes Hühnchen – ist wie immer ein Gedicht.

Trotz des perfekten Tages merken wir: Wir sind noch nicht ganz im Urlaubsrhythmus angekommen. Der Segeltag war schön, aber auch anstrengend, und die frische Seeluft fordert ihren Tribut. Wir sind müde. Der Wind lässt nicht nach und pustet kräftig von achtern ins Boot. Wir lassen den Abend bei einem letzten Drink ausklingen und fallen bald in die Kojen. Gute Nacht aus dem windigen Bozukkale.

Samstag, 12.09.2026 | Adaköy Marina – Ciftlik | 10,41 nm

Es gibt kaum eine schönere Art, aufzuwachen: Die Nacht an Deck war einfach herrlich, und der Duft von frischem Kaffee, der uns sanft aus dem Schlaf lockt, macht den Morgen perfekt. Regina hat uns ein kleines Frühstück gezaubert – ein riesiges Dankeschön dafür! Der Plan für den Tag ist straff, aber machbar: Um 8 Uhr werden die beiden abgeholt, um 9 Uhr soll unser repariertes Segel kommen, und um 10 Uhr die große Lebensmittelbestellung.

Während wir auf die Segelmacher warten, herrscht geschäftiges Treiben. Wir packen unsere Seesäcke aus und verwandeln die Pura Vida wieder in unser Zuhause. Die Segelmacher sind nicht nur pünktlich, sie haben auch echte Magie gewirkt! Der UV-Schutz der Genua und die zugehörigen Taschen sind perfekt genäht – und das in der Rekordzeit von einer Nacht. Ein Hoch auf die türkische Handwerkskunst! Auch unsere Lebensmittel-Bestellung trifft pünktlich ein. Während Nane beginnt, Tetris für Fortgeschrittene im Kühlschrank und den Stauräumen zu spielen, widmet sich Dirk der Ankerwinsch, die zerlegt, gesäubert und frisch gefettet wird.

Die Freude über die pünktliche Lieferung wird allerdings durch den Zustand des Obstes getrübt. Birnen, Pfirsiche und Nektarinen haben die Reise offenbar nicht gut überstanden – sie sind angeditscht, zermatscht und, um es mit Nanes Worten zu sagen, „sabbernd“. Dazu fehlen ein paar Dinge, die aber berechnet wurden. Ein kurzes, ärgerliches Intermezzo mit dem Lieferdienst und die Vereinbarung, dass wir die zu viel bezahlten 40 Euro am Ende des Törns zurückbekommen. Es ist zwar ein kleines Ärgernis, aber immer noch unendlich viel besser und schneller, als selbst für den Großeinkauf nach Marmaris zu pendeln.

Nachdem bei uns alles an Bord ist, spielt Dirk den Lieferservice für die Nachbaryacht „Il Sogno“. Doch Hansis Wunsch, ihm ein paar kalte Getränke in den Kühlschrank zu stellen, scheitert kläglich. Ein Kurzschluss hat die Yacht lahmgelegt, der Kühlschrank ist ohne Strom und hat bereits ein Eigenleben entwickelt. Improvisation ist alles: Dirk deponiert die Getränke kurzerhand im Kühlschrank im Marina-Office und gibt Hansi Bescheid. Wenigstens ist der bestellte Putztrupp unterwegs!

Gegen 13:30 Uhr ist es dann so weit: Leinen los! Ein herrliches Gefühl. Wir cruisen ganz gemütlich unter Motor Richtung Ciftlik. Um 15:30 Uhr machen wir am Steg fest, und nach dem obligatorischen Anleger-Radler gibt es nur noch ein Ziel: das Wasser! Der erste Sprung ins kühle Nass – unbezahlbar. Viele Grüße an dieser Stelle an ZR, du würdest es lieben!

So richtig angekommen fühlen wir uns aber noch nicht. Die Müdigkeit der letzten beiden kurzen Nächte steckt uns tief in den Knochen. Wir verbringen den Nachmittag entspannt an Deck, dösen vor uns hin und genießen einfach nur den Moment.

Zum Abendessen belohnen wir uns mit einem fantastischen Chicken Kavurma, Sigara Börek und einem unglaublich leckeren Zucchini-Knoblauch-Joghurt-Dip. Wieder an Bord, chillen wir noch eine Runde, bis uns fast die Augen zufallen. Da hören wir neben uns noch ein Anlegemanöver. Eine andere deutsche Charter-Crew, die – absolut nachvollziehbar – auch keine Lust hatte, die erste Nacht im Trubel von Marmaris zu verbringen. Wir sagen kurz hallo, die Crew geht zum essen und wir wieder in die Horizontale im Cockpit.

Lange halten wir aber nicht mehr durch. Die Müdigkeit siegt. Gute Nacht aus dem Paradies.