Donnerstag, 17.09.2026 | In Bükü

Nach den windigen ersten Tagen und der kleinen Flottillenfahrt mit der „Sun Lark“ war der Plan für heute klar: Urlaub im Urlaub. Wir liegen in der wunderschönen Bucht In Bükü, genau gegenüber von Orhaniye, wo wir erst am Samstag sein müssen. Die perfekte Gelegenheit, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Die Wettervorhersage meldet viel Regen, also nutzen wir die trockene Phase am Morgen für ein klassisches Buchtenfrühstück im Cockpit: Nane macht Pfannkuchen mit der köstlichen Pflaumenmarmelade ihres Kollegen. Ein Genuss! Pünktlich nach dem letzten Bissen fängt es an zu regnen – Timing ist alles.

Wir ziehen uns unter Deck zurück und nutzen die Zeit für eine kleine Putz-Offensive. Die Bäder, die Kabinen, der Salon – alles wird nochmal auf Hochglanz gebracht. Schließlich soll sich unser Ehrengast Thomas, wenn er in der Nacht auf Montag ankommt, auf einem blitzblanken Schiff sofort wohlfühlen.

Mitten im Schrubben wird die Idylle jäh unterbrochen. Völlig unvorhergesagt kommt ein heftiger Wind aus Südost auf. Unser Boot beginnt am Anker zu „wandern“ und bewegt sich ein gutes Stück Richtung Nordwesten. Genau in die Richtung, in die wir den Anker geworfen haben – hoffentlich reißt er nicht aus! Wie auf Kommando sind alle Skipper an Deck, die Blicke kritisch auf die eigene Ankerkette, die Nachbarn und den Himmel gerichtet. Draußen im Hisarönü-Golf stehen weiße Schaumkronen, der Himmel ist pechschwarz und es schüttet wie aus Kübeln. Ein Moment, in dem uns sofort unser Freund ZR in den Sinn kommt, der jetzt mit Sicherheit sagen würde: „Gehe segeln, haben sie gesagt, da ist schön Wetter haben sie gesagt, da hast du blauen Himmel haben sie gesagt, und jetzt das…..“ Nane starrt auf die Anker-App, aber wir pendeln uns ein und bleiben stabil. Gott sei Dank.

Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei. Der Wind legt sich, der Regen hört auf. Wenn man bedenkt, dass für diese Woche ursprünglich mal ein Wirbelsturm vorhergesagt war, ist das Ganze nochmal glimpflich ausgegangen. Das heftige Gewitter ist Richtung Marmaris gezogen, nicht zu uns. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, was für ein Glück wir hatten: In Fethiye stehen nach sintflutartigen Regenfällen die Straßen unter Wasser. Die Videos sind übel.

Nach dem Adrenalin-Schub der letzten Stunden erholen wir uns an Deck. Auf Dirks Frage, was es zum Abendessen geben soll, schlägt Nane Schinkennudeln vor. Doch irgendwie hat Dirk heute eine andere Mission. Ihn packt die unbändige Lust auf Süßes. Kurzerhand verwandelt er die restlichen Pfannkuchen vom Morgen in einen opulenten „Nutella-Bananen-Traum“. Danach sind wir pappsatt. Das Thema Abendessen hat sich erledigt.

Doch das viele Süß rächt sich. Zwei Stunden später windet sich der Skipper mit heftigen Magenschmerzen im Cockpit. Er lehnt alles ab, was Nane ihm zur Linderung anbietet – Tee, Schnaps, gute Worte – und leidet still und sichtlich vor sich hin. In solchen Momenten stellt sich die Frage, für wen es eigentlich schlimmer ist: für den, der die Schmerzen hat, oder für den, der helfen will, aber hilflos danebensteht. Nane würde am liebsten tauschen, aber das geht nicht.

Irgendwann schläft Dirk erschöpft im Cockpit ein. Nane deckt ihn sorgfältig zu und leistet ihm Gesellschaft. Man weiß ja nie. Sollte es schlimmer werden, müsste sie aus dem nahen Orhaniye Hilfe organisieren. Aber Dirk schläft tief und fest. Und wie hat Nanes Mama schon immer gesagt? „Schlafen heilt.“ Also lässt sie ihn schlafen, hört leise Musik und schaut in den unendlichen Sternenhimmel, bis auch ihr irgendwann die Augen zufallen.

Mittwoch, 16.09.2026 | Kocabahce Koyu – In Bükü | 7,15 nm

Die Nacht war herrlich ruhig. Wenn zwischendurch mal ein Hahn kräht oder eine Ziege blökt, dann ist das kein Lärm, sondern der Soundtrack zur Erholung. Wir lassen den Tag langsam angehen, gezwungenermaßen. Dirk hat es ordentlich im Kreuz und läuft, als würde er auf Eiern gehen. Der klassische Hexenschuss hat zugeschlagen. Wir hoffen, dass wir das mit einer strategischen Voltaren-Offensive wieder in den Griff bekommen.

Zum Glück haben wir es heute nicht weit und es ist kein Wind angesagt, auch wenn immer wieder leichter Regen fällt. Nach unserem Standard-Müsli-Frühstück chillen wir an Deck und verabschieden uns von der Crew der „Sun Lark“. Sie müssen heute zurück Richtung Marmaris und werden Bozukkale ansteuern – bei wenig Wind eine deutlich zähere Nummer als unsere Überfahrt vor ein paar Tagen. Nane nutzt die Zeit, um bei Berrin im Restaurant zwei, drei Çay zu trinken. Sie versucht, sie zu überreden, am Samstag mit zur Hochzeit nach Orhaniye zu kommen. Das wäre sicher ein tolles gemeinsames Erlebnis. Doch am Freitag wird im Sailors Paradise noch eine Gruppe von 180 Personen erwartet, was bedeutet, dass der Samstag voller Aufräumarbeiten sein wird. Die Chancen stehen also schlecht. Schade.

Wir verabschieden uns herzlich von unseren neuen Freunden der „Sun Lark“ – wir sind sicher, das war nicht das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben. Kurz vor 12 Uhr legen wir ab. Unser Plan B für heute ist Karasüleyman Bükü, aber Nanes Herz hängt an Plan A: In Bükü. Diese Bucht ist einfach magisch. Mit ihrem dichten Pinienwald, der bis ans Ufer reicht, dem türkisgrünen Wasser und den Tuffsteinfelsen erinnert sie eher an einen norwegischen Fjord als an die türkische Ägäis. Ein Traum – den wir uns aber leider mit vielen anderen teilen.

Für das kurze Stück lohnt es sich kaum, die Fender reinzuholen, also schippern wir gemütlich rüber. Um halb zwei steuern wir auf die Einfahrt zu. Es liegen schon einige Boote darin, aber wir machen einen Platz aus, den wir – ein kleines Wunder – beide für gut befinden. Das erste Ankermanöver geht prompt schief. Bei 2.000 Umdrehungen rückwärts fängt der Anker an zu rutschen, er „slippt“. Also, alles wieder hoch und zweiter Versuch. Dieses Mal gräbt er sich ein. Wir haben auf 9 Metern Tiefe 38 Meter Kette draußen. Mehr geht wegen der Nachbarn leider nicht, aber die Peilung steht, der Anker hält. Puh.

Als Anleger gibt es einen Eistee, dann geht Nane eine Runde schwimmen. Dirk entscheidet sich stattdessen für das Alternativprogramm: eine Ibuprofen und eine lange Auszeit in horizontaler Lage im Cockpit. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Es kommen noch zwei Yachten dazu, und vom Ufer hören wir das Wiehern von Wildpferden. Tatsächlich können wir zwei wunderschöne braune Pferde in der südwestlichen Ecke der Bucht ausmachen. (Wie eine runde Bucht eine Ecke haben kann, ist eine andere Frage, aber egal.)

Zum Abendessen gibt es heute nur die kleine Bordküche: gemischter Salat und überbackenes Schinken-Tomaten-Käsebrot. Zu mehr haben wir keine Lust. Die langsam untergehende Sonne taucht die Bucht in ein fantastisches Licht und später genießen wir den klaren Sternenhimmel. Bevor es in die Koje geht, bekommt Dirks geschundener Rücken noch eine dicke Schicht Voltaren. Hoffen wir, dass es morgen besser ist. Gute Nacht aus dem Fjord.

15.09.2026, Dienstag | Sögüt – Kocabahce Koyu (Sailors Paradise) | 14,82 nm

Der Tag beginnt früh. Zu früh für Nanes Geschmack. Sie ist wach und genervt, weil der Schlaf einfach nicht mehr kommen will. Der Grund ist schnell gefunden: Die Organisation für den Verkauf des Schiffsanteils hat uns eingeholt. Eigentlich wollten wir diesen Törn ganz ohne feste Termine und Ziele genießen, einfach treiben lassen – es ist unser Urlaub. Doch nun müssen wir doch in die Detailplanung einsteigen, um einem der Interessenten von Norbert eine Besichtigung zu ermöglichen. Diese Gedanken kreisen im Kopf und machen an Weiterschlafen unmöglich. Also: aufstehen, Kaffee kochen und versuchen, für die nächsten Tage ein paar Fixpunkte zu setzen.

Als Dirk wach wird, ist der Plan geschmiedet und der Kaffee fertig. Nach einem schnellen Müsli-Frühstück und dem Entsorgen des Mülls geht es zum Bezahlen ins Restaurant. Zum obligatorischen Çay bekommen wir heute noch warme, mit Schafskäse gefüllte Blätterteigtaschen serviert – was für eine liebe Geste! Wir verquatschen uns mit der Familie, während die „Sun Lark“ längst abgelegt hat. Langsam wollen wir auch los. Gegen 11 Uhr frischt der Wind auf, und um 11:20 Uhr heißt es auch für uns: Leinen los! Wir kommen ja wieder, schließlich müssen wir Thomas Otto diesen Lieblingsplatz unbedingt noch zeigen.

Schon in der Bucht von Sögüt setzen wir das Großsegel, im Yesilova-Golf kommt die Genua dazu. Der Wind ist perfekt, der Kurs hoch am Wind ein Traum. Wir kreuzen mit weiten Schlägen auf und die Pura Vida zeigt, was in ihr steckt. Das Log klettert zeitweise auf 8,2 Knoten! Bei wenig Welle pflügen wir durchs Wasser – ein fantastischer Segeltag. Dirk ist hochzufrieden. So macht Segeln süchtig!

Gegen 14:30 Uhr erreichen wir die Bucht von Kocabahce, unser „Sailors Paradise“. Wir bergen die Segel und genau in dem Moment kommt auch die „Sun Lark“ um die Ecke – eine absolute Punktlandung. Vor uns macht gerade eine andere Yacht fest. Wir wollen unseren Freunden den Vortritt lassen, doch sie winken uns freundlich durch. Also gut, langes Rückwärtsfahren, alles sieht perfekt aus. Doch dann löst der Skipper vor uns plötzlich nochmal seine Muringleine und sorgt für totales Chaos. Unser Heck ist schon am Steg, aber der Bug treibt ab, bevor wir unsere Muring fassen können. Es entsteht ein kleines „Gehuddel“, bis wir wieder in Position sind. Nichts passiert, aber Nane kämpft mit der widerspenstigen Muring, bis der Nachbar – der Verursacher des Dilemmas – helfend zur Seite springt. Danke dafür!

Als wäre das nicht genug, versucht sich plötzlich ein Katamaran unverschämt vor die ansteuernde „Sun Lark“ zu drängeln. Serkan vom Restaurant springt sofort ins Dinghi und weist dem Skipper unmissverständlich den Weg. Später schlendert ebenjener Skipper über den Steg und fragt nach Walter, den er wohl kennt. Ts… was für unverschämte Zeitgenossen unsere Miteigner so kennen!

Endlich festgemacht, gibt es den Anlegerdrink mit der Nachbarcrew. Das badische Ritual wird zelebriert: „Zsamme komme, zsamme komme – Jeah!“, schallt es über den Steg, während die Gläser in der Mitte zusammenstoßen.

Für den kleinen Hunger gibt es Salat und frisches Brot. Danach geht es mit Keksen bewaffnet zum „Family-Çay“. Nane hilft beim Bohnenschälen, Dirk quatscht mit Serkan und Tarek. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Nach einer Runde Schwimmen und Chillen ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen. Wir setzen uns zur Crew der „Sun Lark“ und haben einen unglaublich unterhaltsamen Abend.

Zwischendrin hält Nane immer wieder Ausschau nach Berrin vom Restaurant, die sie heute noch nicht gesehen hat. Als wir schon beim Essen sitzen, kommt sie doch noch zum Hallo sagen. Die Freude auf beiden Seiten ist riesig. Es hat sich eine herzliche Freundschaft entwickelt. Auf Nanes Frage, wo sie denn war, kommt die simple Antwort: „Viel Arbeit.“

Ein Satz, der nachdenklich stimmt. Ein Moment, um innezuhalten und sich bewusst zu machen, wie unterschiedlich Leben verlaufen, abhängig vom Ort der Geburt. Welche Chancen man bekommt und wie hart man für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss. Ein guter Zeitpunkt, um dankbar zu sein, gerade wenn bei uns so viel gejammert wird.

Als krönenden Abschluss spendiert uns Mehmet noch zwei riesige Obstplatten und eine kleine Flasche Raki – Dankeschön. Ein perfekter Ausklang für einen perfekten Tag. Zurück an Bord fallen wir müde und glücklich in die Kojen. Was für ein Tag voller Segelglück, guter Gespräche und unvergesslicher Erlebnisse.