Der Tag beginnt früh. Zu früh für Nanes Geschmack. Sie ist wach und genervt, weil der Schlaf einfach nicht mehr kommen will. Der Grund ist schnell gefunden: Die Organisation für den Verkauf des Schiffsanteils hat uns eingeholt. Eigentlich wollten wir diesen Törn ganz ohne feste Termine und Ziele genießen, einfach treiben lassen – es ist unser Urlaub. Doch nun müssen wir doch in die Detailplanung einsteigen, um einem der Interessenten von Norbert eine Besichtigung zu ermöglichen. Diese Gedanken kreisen im Kopf und machen an Weiterschlafen unmöglich. Also: aufstehen, Kaffee kochen und versuchen, für die nächsten Tage ein paar Fixpunkte zu setzen.
Als Dirk wach wird, ist der Plan geschmiedet und der Kaffee fertig. Nach einem schnellen Müsli-Frühstück und dem Entsorgen des Mülls geht es zum Bezahlen ins Restaurant. Zum obligatorischen Çay bekommen wir heute noch warme, mit Schafskäse gefüllte Blätterteigtaschen serviert – was für eine liebe Geste! Wir verquatschen uns mit der Familie, während die „Sun Lark“ längst abgelegt hat. Langsam wollen wir auch los. Gegen 11 Uhr frischt der Wind auf, und um 11:20 Uhr heißt es auch für uns: Leinen los! Wir kommen ja wieder, schließlich müssen wir Thomas Otto diesen Lieblingsplatz unbedingt noch zeigen.
Schon in der Bucht von Sögüt setzen wir das Großsegel, im Yesilova-Golf kommt die Genua dazu. Der Wind ist perfekt, der Kurs hoch am Wind ein Traum. Wir kreuzen mit weiten Schlägen auf und die Pura Vida zeigt, was in ihr steckt. Das Log klettert zeitweise auf 8,2 Knoten! Bei wenig Welle pflügen wir durchs Wasser – ein fantastischer Segeltag. Dirk ist hochzufrieden. So macht Segeln süchtig!
Gegen 14:30 Uhr erreichen wir die Bucht von Kocabahce, unser „Sailors Paradise“. Wir bergen die Segel und genau in dem Moment kommt auch die „Sun Lark“ um die Ecke – eine absolute Punktlandung. Vor uns macht gerade eine andere Yacht fest. Wir wollen unseren Freunden den Vortritt lassen, doch sie winken uns freundlich durch. Also gut, langes Rückwärtsfahren, alles sieht perfekt aus. Doch dann löst der Skipper vor uns plötzlich nochmal seine Muringleine und sorgt für totales Chaos. Unser Heck ist schon am Steg, aber der Bug treibt ab, bevor wir unsere Muring fassen können. Es entsteht ein kleines „Gehuddel“, bis wir wieder in Position sind. Nichts passiert, aber Nane kämpft mit der widerspenstigen Muring, bis der Nachbar – der Verursacher des Dilemmas – helfend zur Seite springt. Danke dafür!
Als wäre das nicht genug, versucht sich plötzlich ein Katamaran unverschämt vor die ansteuernde „Sun Lark“ zu drängeln. Serkan vom Restaurant springt sofort ins Dinghi und weist dem Skipper unmissverständlich den Weg. Später schlendert ebenjener Skipper über den Steg und fragt nach Walter, den er wohl kennt. Ts… was für unverschämte Zeitgenossen unsere Miteigner so kennen!
Endlich festgemacht, gibt es den Anlegerdrink mit der Nachbarcrew. Das badische Ritual wird zelebriert: „Zsamme komme, zsamme komme – Jeah!“, schallt es über den Steg, während die Gläser in der Mitte zusammenstoßen.
Für den kleinen Hunger gibt es Salat und frisches Brot. Danach geht es mit Keksen bewaffnet zum „Family-Çay“. Nane hilft beim Bohnenschälen, Dirk quatscht mit Serkan und Tarek. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Nach einer Runde Schwimmen und Chillen ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen. Wir setzen uns zur Crew der „Sun Lark“ und haben einen unglaublich unterhaltsamen Abend.
Zwischendrin hält Nane immer wieder Ausschau nach Berrin vom Restaurant, die sie heute noch nicht gesehen hat. Als wir schon beim Essen sitzen, kommt sie doch noch zum Hallo sagen. Die Freude auf beiden Seiten ist riesig. Es hat sich eine herzliche Freundschaft entwickelt. Auf Nanes Frage, wo sie denn war, kommt die simple Antwort: „Viel Arbeit.“
Ein Satz, der nachdenklich stimmt. Ein Moment, um innezuhalten und sich bewusst zu machen, wie unterschiedlich Leben verlaufen, abhängig vom Ort der Geburt. Welche Chancen man bekommt und wie hart man für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss. Ein guter Zeitpunkt, um dankbar zu sein, gerade wenn bei uns so viel gejammert wird.
Als krönenden Abschluss spendiert uns Mehmet noch zwei riesige Obstplatten und eine kleine Flasche Raki – Dankeschön. Ein perfekter Ausklang für einen perfekten Tag. Zurück an Bord fallen wir müde und glücklich in die Kojen. Was für ein Tag voller Segelglück, guter Gespräche und unvergesslicher Erlebnisse.


