Mittwoch, 16.09.2026 | Kocabahce Koyu – In Bükü | 7,15 nm

Die Nacht war herrlich ruhig. Wenn zwischendurch mal ein Hahn kräht oder eine Ziege blökt, dann ist das kein Lärm, sondern der Soundtrack zur Erholung. Wir lassen den Tag langsam angehen, gezwungenermaßen. Dirk hat es ordentlich im Kreuz und läuft, als würde er auf Eiern gehen. Der klassische Hexenschuss hat zugeschlagen. Wir hoffen, dass wir das mit einer strategischen Voltaren-Offensive wieder in den Griff bekommen.

Zum Glück haben wir es heute nicht weit und es ist kein Wind angesagt, auch wenn immer wieder leichter Regen fällt. Nach unserem Standard-Müsli-Frühstück chillen wir an Deck und verabschieden uns von der Crew der „Sun Lark“. Sie müssen heute zurück Richtung Marmaris und werden Bozukkale ansteuern – bei wenig Wind eine deutlich zähere Nummer als unsere Überfahrt vor ein paar Tagen. Nane nutzt die Zeit, um bei Berrin im Restaurant zwei, drei Çay zu trinken. Sie versucht, sie zu überreden, am Samstag mit zur Hochzeit nach Orhaniye zu kommen. Das wäre sicher ein tolles gemeinsames Erlebnis. Doch am Freitag wird im Sailors Paradise noch eine Gruppe von 180 Personen erwartet, was bedeutet, dass der Samstag voller Aufräumarbeiten sein wird. Die Chancen stehen also schlecht. Schade.

Wir verabschieden uns herzlich von unseren neuen Freunden der „Sun Lark“ – wir sind sicher, das war nicht das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben. Kurz vor 12 Uhr legen wir ab. Unser Plan B für heute ist Karasüleyman Bükü, aber Nanes Herz hängt an Plan A: In Bükü. Diese Bucht ist einfach magisch. Mit ihrem dichten Pinienwald, der bis ans Ufer reicht, dem türkisgrünen Wasser und den Tuffsteinfelsen erinnert sie eher an einen norwegischen Fjord als an die türkische Ägäis. Ein Traum – den wir uns aber leider mit vielen anderen teilen.

Für das kurze Stück lohnt es sich kaum, die Fender reinzuholen, also schippern wir gemütlich rüber. Um halb zwei steuern wir auf die Einfahrt zu. Es liegen schon einige Boote darin, aber wir machen einen Platz aus, den wir – ein kleines Wunder – beide für gut befinden. Das erste Ankermanöver geht prompt schief. Bei 2.000 Umdrehungen rückwärts fängt der Anker an zu rutschen, er „slippt“. Also, alles wieder hoch und zweiter Versuch. Dieses Mal gräbt er sich ein. Wir haben auf 9 Metern Tiefe 38 Meter Kette draußen. Mehr geht wegen der Nachbarn leider nicht, aber die Peilung steht, der Anker hält. Puh.

Als Anleger gibt es einen Eistee, dann geht Nane eine Runde schwimmen. Dirk entscheidet sich stattdessen für das Alternativprogramm: eine Ibuprofen und eine lange Auszeit in horizontaler Lage im Cockpit. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Es kommen noch zwei Yachten dazu, und vom Ufer hören wir das Wiehern von Wildpferden. Tatsächlich können wir zwei wunderschöne braune Pferde in der südwestlichen Ecke der Bucht ausmachen. (Wie eine runde Bucht eine Ecke haben kann, ist eine andere Frage, aber egal.)

Zum Abendessen gibt es heute nur die kleine Bordküche: gemischter Salat und überbackenes Schinken-Tomaten-Käsebrot. Zu mehr haben wir keine Lust. Die langsam untergehende Sonne taucht die Bucht in ein fantastisches Licht und später genießen wir den klaren Sternenhimmel. Bevor es in die Koje geht, bekommt Dirks geschundener Rücken noch eine dicke Schicht Voltaren. Hoffen wir, dass es morgen besser ist. Gute Nacht aus dem Fjord.

15.09.2026, Dienstag | Sögüt – Kocabahce Koyu (Sailors Paradise) | 14,82 nm

Der Tag beginnt früh. Zu früh für Nanes Geschmack. Sie ist wach und genervt, weil der Schlaf einfach nicht mehr kommen will. Der Grund ist schnell gefunden: Die Organisation für den Verkauf des Schiffsanteils hat uns eingeholt. Eigentlich wollten wir diesen Törn ganz ohne feste Termine und Ziele genießen, einfach treiben lassen – es ist unser Urlaub. Doch nun müssen wir doch in die Detailplanung einsteigen, um einem der Interessenten von Norbert eine Besichtigung zu ermöglichen. Diese Gedanken kreisen im Kopf und machen an Weiterschlafen unmöglich. Also: aufstehen, Kaffee kochen und versuchen, für die nächsten Tage ein paar Fixpunkte zu setzen.

Als Dirk wach wird, ist der Plan geschmiedet und der Kaffee fertig. Nach einem schnellen Müsli-Frühstück und dem Entsorgen des Mülls geht es zum Bezahlen ins Restaurant. Zum obligatorischen Çay bekommen wir heute noch warme, mit Schafskäse gefüllte Blätterteigtaschen serviert – was für eine liebe Geste! Wir verquatschen uns mit der Familie, während die „Sun Lark“ längst abgelegt hat. Langsam wollen wir auch los. Gegen 11 Uhr frischt der Wind auf, und um 11:20 Uhr heißt es auch für uns: Leinen los! Wir kommen ja wieder, schließlich müssen wir Thomas Otto diesen Lieblingsplatz unbedingt noch zeigen.

Schon in der Bucht von Sögüt setzen wir das Großsegel, im Yesilova-Golf kommt die Genua dazu. Der Wind ist perfekt, der Kurs hoch am Wind ein Traum. Wir kreuzen mit weiten Schlägen auf und die Pura Vida zeigt, was in ihr steckt. Das Log klettert zeitweise auf 8,2 Knoten! Bei wenig Welle pflügen wir durchs Wasser – ein fantastischer Segeltag. Dirk ist hochzufrieden. So macht Segeln süchtig!

Gegen 14:30 Uhr erreichen wir die Bucht von Kocabahce, unser „Sailors Paradise“. Wir bergen die Segel und genau in dem Moment kommt auch die „Sun Lark“ um die Ecke – eine absolute Punktlandung. Vor uns macht gerade eine andere Yacht fest. Wir wollen unseren Freunden den Vortritt lassen, doch sie winken uns freundlich durch. Also gut, langes Rückwärtsfahren, alles sieht perfekt aus. Doch dann löst der Skipper vor uns plötzlich nochmal seine Muringleine und sorgt für totales Chaos. Unser Heck ist schon am Steg, aber der Bug treibt ab, bevor wir unsere Muring fassen können. Es entsteht ein kleines „Gehuddel“, bis wir wieder in Position sind. Nichts passiert, aber Nane kämpft mit der widerspenstigen Muring, bis der Nachbar – der Verursacher des Dilemmas – helfend zur Seite springt. Danke dafür!

Als wäre das nicht genug, versucht sich plötzlich ein Katamaran unverschämt vor die ansteuernde „Sun Lark“ zu drängeln. Serkan vom Restaurant springt sofort ins Dinghi und weist dem Skipper unmissverständlich den Weg. Später schlendert ebenjener Skipper über den Steg und fragt nach Walter, den er wohl kennt. Ts… was für unverschämte Zeitgenossen unsere Miteigner so kennen!

Endlich festgemacht, gibt es den Anlegerdrink mit der Nachbarcrew. Das badische Ritual wird zelebriert: „Zsamme komme, zsamme komme – Jeah!“, schallt es über den Steg, während die Gläser in der Mitte zusammenstoßen.

Für den kleinen Hunger gibt es Salat und frisches Brot. Danach geht es mit Keksen bewaffnet zum „Family-Çay“. Nane hilft beim Bohnenschälen, Dirk quatscht mit Serkan und Tarek. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Nach einer Runde Schwimmen und Chillen ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen. Wir setzen uns zur Crew der „Sun Lark“ und haben einen unglaublich unterhaltsamen Abend.

Zwischendrin hält Nane immer wieder Ausschau nach Berrin vom Restaurant, die sie heute noch nicht gesehen hat. Als wir schon beim Essen sitzen, kommt sie doch noch zum Hallo sagen. Die Freude auf beiden Seiten ist riesig. Es hat sich eine herzliche Freundschaft entwickelt. Auf Nanes Frage, wo sie denn war, kommt die simple Antwort: „Viel Arbeit.“

Ein Satz, der nachdenklich stimmt. Ein Moment, um innezuhalten und sich bewusst zu machen, wie unterschiedlich Leben verlaufen, abhängig vom Ort der Geburt. Welche Chancen man bekommt und wie hart man für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss. Ein guter Zeitpunkt, um dankbar zu sein, gerade wenn bei uns so viel gejammert wird.

Als krönenden Abschluss spendiert uns Mehmet noch zwei riesige Obstplatten und eine kleine Flasche Raki – Dankeschön. Ein perfekter Ausklang für einen perfekten Tag. Zurück an Bord fallen wir müde und glücklich in die Kojen. Was für ein Tag voller Segelglück, guter Gespräche und unvergesslicher Erlebnisse.

Montag, 14.09.2026 | Bozukkale – Sögüt | 17,67 nm

Der Wind war unser ständiger Begleiter in der Nacht. Er hat so kräftig durchgeblasen, dass wir immer wieder wach waren. Als Nane mal wieder für ein paar Sonnenaufgangsbilder aufsteht, ist an Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Also ergibt sie sich ihrem Schicksal und kocht den ersten Kaffee des Tages. Ein Blick auf die Wetter-Apps sorgt für die übliche Verwirrung: Windy verspricht uns eine gemütliche Flaute auf dem Weg nach Sögüt, während Windhub satte 20 Knoten Wind vorhersagt. Die Wahrheit liegt wie immer wohl irgendwo dazwischen. Zum Frühstück gibt es nur Müsli, Kaffee und Orangensaft. Nane ist heute sogar das Müsli zu viel – eine direkte Folge der unruhigen Nacht.

Die Boote liegen dicht an dicht am Steg von Sailors House, und der heulende Wind macht wenig Lust auf ein morgendliches Bad. Das vertagen wir lieber auf Sögüt. Stattdessen quatschen wir mit unseren Nachbarn, der Crew der „Sun Lark“. Auch sie wollen heute nach Sögüt, allerdings ins Octopus-Restaurant. Wir stellen fest: allesamt Daimler-Mitarbeiter aus der Entwicklung. ZR wäre im Paradies gewesen, es ist genau seine Welt.

Wir begleichen unsere Rechnung, trinken noch einen Çay, dann noch einen und geben Murat Bescheid, dass wir in 20 Minuten ablegen. Die Achterleinen sind hier um dicke Holzpfähle geschlungen, die sich gerne mal verhaken. Wir bitten ihn daher, beim Ablegen am Steg zu sein, was er wie immer zusagt. Zurück an Bord wird alles seefest verstaut – fliegende Tablets soll es heute nicht geben. Beim Ablegen helfen die Nachbarn mit den Fendern, während Nane die Muringleine bedient. In solchen Momenten wünscht man sich wirklich, man könnte sich klonen.

Kaum sind wir aus der Bucht raus, packt der Wind richtig zu. Nane entscheidet, heute nur mit der Genua zu segeln. Die richtige Entscheidung? Wir schießen sofort mit 7,5 Knoten Fahrt los und es macht einen Heidenspaß. Wir cruisen Richtung Symi, doch plötzlich sitzen wir fest – in einem der berüchtigten Windlöcher zwischen der griechischen Insel und dem türkischen Festland. Mist. Also: Motor an und hoffen. Hätten wir doch das Großsegel setzen sollen? Doch die Zweifel verfliegen schnell. Nach nur 20 Minuten ist der Wind wieder da, und zwar mit voller Wucht! Die inzwischen ebenfalls ausgelaufene „Sun Lark“ hat ihr Großsegel oben und krängt ordentlich in den Böen. Unsere Genua-Strategie war also doch nicht so schlecht, denn sobald wir in den Yesilova-Golf abbiegen, haben wir den Wind ohnehin von achtern.

Im Golf zieht die 57 Fuß lange „Sun Lark“ dann aber an uns vorbei. Tja, Länge läuft eben doch. Die achterliche Welle, die hier normalerweise schwächer wird, hat heute keine Lust dazu. Im Gegenteil, sie baut sich weiter auf und schiebt uns kräftig Richtung Ziel. Das Geschaukel ist nicht gerade angenehm, aber ändern können wir es nicht.

Kurz vor 15 Uhr erreichen wir den Steg von Captain’s Table. Und wie es das ungeschriebene Gesetz des Segelns will, gibt der Wind genau im Moment des Anlegemanövers nochmal richtig Gas. Doch Sabit ist wie immer zur Stelle, springt vom Nachbarboot auf die Pura Vida und macht unsere Muringleine fest . Wir bekommen bei dem Wind für die Nacht gleich zwei davon – sicher ist sicher. Die Wiedersehensfreude mit der Familie ist groß. Wir erfahren, dass für Öykü heute der erste Tag an der weiterführenden Schule in Bozburun war. Wir sind schon gespannt, was sie heute Abend erzählen wird.

Wir gönnen uns den obligatorischen Obstsalat, bevor es zum Schwimmen geht. Das Wasser ist durch den Wind ziemlich „kapplig“ und die Wellen spritzen einem ins Gesicht. Dirks trockener Kommentar: „Heute ist bei dir wohl Duschen mit Haarewaschen angesagt.“ Na klar. Die anschließende warme Dusche tut der salzigen Haut unendlich gut. Nane hatte heute übrigens extra ihr UV-Shirt an – Frau Doktor hat vor zu viel Sonne gewarnt, und wir hören ja (meistens).

Der Nachmittag vergeht wie im Flug: Dirk lässt die Drohne steigen, Nane schreibt am Blog. Wir gehen früher zum Abendessen, denn um 19 Uhr deutscher Zeit haben wir einen wichtigen Videocall. Norbert, einer unserer Miteigner, möchte seinen Drittel-Anteil an der Pura Vida aus Alters- und Gesundheitsgründen verkaufen. Der Call mit den Interessenten verläuft trotz wackeliger Internetverbindung erfolgreich. Nun geht es darum, Besichtigungstermine zu finden, denn niemand kauft ein Schiff, ohne es gesehen zu haben.

Nach getaner „Arbeit“ besuchen wir die Crew auf der „Sun Lark“, werden auf einen Gin Tonic eingeladen und verquatschen uns bis Mitternacht. Morgen wollen wir uns im Sailors Paradise nochmal treffen, bevor es für diese super sympathische Crew schon wieder zurück nach Marmaris geht. Als wir zu unserem Steg zurückkehren, ist alles still. Die Crews der Boote neben uns schlafen schon tief und fest. Das haben wir jetzt auch vor.