Freitag, 05.06.2026 | In Bükü – Kocabahce Koyu | 8,37 nm

Die Nacht war ein Traum. Kein Piepsen vom Ankeralarm, nur die sanften Geräusche der Natur. Das Aufwachen in dieser herrlich grünen Fjord-Landschaft von In Bükü fällt entsprechend leicht. Die Morgenroutine ist mittlerweile heilig: erst eine Runde schwimmen, dann eine Tasse Kaffee. Schon ist die Welt wieder in perfekter Ordnung.

Wir haben es heute nicht weit, also beschließen wir, erst nach dem Mittagessen abzulegen. Es gibt nämlich noch Reste von gestern, die dringend unter dem neuen, von ZR ausgerufenen Törn-Hashtag #aufessen vernichtet werden müssen. Vor allem, weil die Köfte einfach zu lecker sind, um sie nicht zu ehren.

Kurz vor 13 Uhr holen wir den Anker auf und – man höre und staune – setzen das Großsegel! Es soll ja auch mal zum Einsatz kommen. Und wie es das tut! Wir kreuzen den Hisarönü-Golf bei über 10 Knoten Wind, in den Böen sogar 14! Nane bringt die Pura Vida auf 6 Knoten Fahrt und für einen kurzen, glorreichen Moment fühlen wir uns wie echte Segelhelden. Das ist es! Das ist Segeln! … und dann ist es genauso schnell wieder vorbei, wie es angefangen hat. Der Wind schaltet auf “Aus”. Tja. Also, Maschine an und den Rest der Strecke gemütlich tuckern.

Kurz vor 16 Uhr machen wir wieder am Steg von Sailors Paradise fest. Nane und Dirk hechten förmlich von Bord, um pünktlich zum “Family Cay” zu kommen. Zerrin strahlt, als sie uns sieht – schön, dass das Treffen geklappt hat. Der Tisch biegt sich schon unter Zucchini-Puffern, Simit, Nüssen und Acma. Es ist alles unfassbar lecker, aber wir versuchen, uns zurückzuhalten. Wir wollen ja später noch richtig essen.

Wir quatschen, tauschen den neuesten Revier-Tratsch aus und lauschen Zerrins Erzählungen über die Kinder und die Schule. Das halbe Team sitzt mit am Tisch. Der Koch ist neugierig und will alles über Deutschland wissen. Ob es dort auch richtige türkische Restaurants gibt oder nur Döner? Am Ende stellt er aber zufrieden fest, dass es ihm in der Türkei doch besser gefällt.

Zum Abendessen gibt es für Nane Karides (Garnelen), während die Jungs sich für Chicken Sis entscheiden. Eine Runde Sigara Börek als Vorspeise soll heute eigentlich genügen. Eigentlich. Denn Zerrin kann das nicht zulassen und serviert kurzerhand noch Fava und Joghurt mit Kresse. Wir kapitulieren und verzichten dankend auf den Nachtisch. Nane malt danach noch eine Runde mit dem kleinen Deniz. Mit nur einem schwarzen Filzstift sind die kreativen Möglichkeiten zwar begrenzt, aber es macht trotzdem riesig Spaß.

ZR fasst den bisherigen Törn treffend zusammen: “Dieser Urlaub steht definitiv unter dem Hashtag #aufessen. Wir müssen uns bald neue Shirts mit dem Aufdruck kaufen.” Recht hat er. Die Fülle an Eindrücken und Essen macht Nane heute so groggy, dass sie sich früh in die Koje verabschiedet.

Sie schläft zu den schönsten Hintergrundgeräuschen ein, die es gibt: das leise Lachen und Murmeln der Jungs, die noch im Cockpit sitzen und den Abend ausklingen lassen.

Donnerstag, 04.06.2026 | Kocabahce Koyu – In Bükü | 7,84 nm

Dass wir heute Morgen alle etwas langsamer in den Tag starten, schieben wir jetzt einfach mal auf den Raki, den Nane gestern Abend vielleicht eine Spur zu großzügig eingeschenkt hat. Der erste Kaffee an Deck heilt jedoch alle Wunden. Die englische Lady vom Nachbarboot ruft uns mit einem Lächeln zu: „Perfect place to wake up!“ – und sie hat so verdammt recht.

Nane bereitet heute ein Früh-Frühstück vor, denn sie hat eine Verabredung: Shopping-Tour mit Serkan nach Bozburun. Die Jungs bekommen die allerletzten beiden Spiegeleier. Es wird Zeit für Nachschub. Pünktlich um 9:45 Uhr winkt Serkan und Nane eilt zum Fischerboot. Dirk ruft ihm noch hinterher, dass er Nane gern gegen mindestens zwei Ziegen eintauschen würde, falls sich die Gelegenheit ergibt. Haha.

Die Fahrt mit dem Pick-up nach Bozburun ist ein kleines Abenteuer für sich. Im kleinen Supermarkt am Hafen wird alles bestellt, was das Restaurant-Herz begehrt – der Ladenbesitzer ist ein Organisationsgenie. Während Nane Kirschen, Aprikosen und Eier einpackt, schweifen die Gedanken ab. Genau hier warteten wir letztes Jahr auf einen Bus, der uns eine neue Batterie brachte, inklusive eigenem Busticket. Das sind diese pragmatischen, türkischen Lösungen, bei denen man zu Hause manchmal neidisch werden könnte.

Der eigentliche Grund der Reise ist aber die Metzgerei. Nane will frisches Rinderhack für Köfte. Der Metzger dreht das beste Rindfleisch frisch durch den Wolf, Nane bekommt 1 kg für 1.000 Lira und packt es zum Kühlen mit einem Beutel Eiswürfel in die Kühltasche. Mission erfolgreich ausgeführt!

Zurück am Steg von Kocabahce ist Dirk nur mäßig enttäuscht, dass er statt zwei Ziegen doch nur Nane zurückbekommt. Wir laden die Schätze aus, während Dirk und ZR sich professionell der Reparatur des Cockpit-Tisches widmen – und zwar nicht nur mit UHU! Ordentliches Handwerk braucht eben seine Zeit.

Nach einem letzten Cay bei unseren Freunden von Sailors Paradise legen wir ab. Sechs Knoten achterlicher Wind schieben uns mit gemütlichen 2,5 Knoten Richtung In Bükü. Wir schleichen förmlich durchs Wasser und haben alle Zeit der Welt. In der Bucht liegen nur drei Boote, also freie Platzwahl. Anker auf 9 Meter, 35 Meter Kette, einmal kräftig rückwärts im Schlamm eingegraben – stehende Peilung, passt.

Die Bucht ist traumschön, sie erinnert an einen nordischen Fjord. Umgeben von Pinien und braunem Tuffstein, das Wasser eine Mischung aus Türkis und Grün, Vogelgezwitscher – Idylle pur. Und jetzt kommt’s: Das Wasser hat die magische Grenze von 25°C überschritten! Das Thermometer zeigt stolze 25,8°C. Jetzt können wir uns nicht mehr einreden, dass ein langes Bad im “kalten” Wasser extra Kalorien verbrennt. Schade auch.

ZR sichtet eine Schildkröte, Dirk füttert Fische mit altem Brot, wir futtern Kirschen und Aprikosen und stellen fest: Wir haben es verdammt gut.

Gegen 19 Uhr ist es vollbracht: Nane hat die Frikadellen (Köfte) gebraten, die Ofenkartoffeln sind perfekt und das selbstgemachte Tsatsiki steht auf dem frisch reparierten Tisch. Der Einkauf hat sich mehr als gelohnt! Als krönenden Abschluss kredenzt ZR jedem noch ein Snickers – nicht so gut wie die Baklava von Zerrin, aber auch lecker.

Die Nacht ist stockdunkel, der Mond lässt heute bis Mitternacht auf sich warten. So lange bleiben wir nicht auf. Wir genießen die Stille, die fast windstille Nacht, Nane checkt ein letztes Mal die Anker-App – alles im grünen Bereich. Wir können beruhigt schlafen gehen.

Mittwoch, 03. Juni 2026 | Kuruca Bükü – Kocabahce Koyu | 6,84 nm

Der Morgen in der Bucht von Kuruca Bükü bricht an und mit ihm ein Ereignis, das die Bordroutine sanft durcheinanderwirbelt: Nane ist als Erste wach und kocht Kaffee für ZR! Der schläft noch seelenruhig. Das gibt definitiv ein paar Pluspunkte in der imaginären Google-Bewertung, nicht dass es am Ende des Törns heißt, er musste sich seinen Kaffee immer selbst machen. Als der Duft durch die Luken zieht, erscheint auch Dirk im Cockpit. Wir denken an unseren Freund Micha, der jetzt bestimmt die eine oder andere Yoga-Übung anleiten würde. Da uns aber jegliches Talent und Wissen fehlt, fällt der morgendliche Yoga-Kurs mangels Trainer heute leider aus. (Michel, melde dich mal wieder!)

Zum Frühstück gibt es die Reste-Gala: frisch gepresster O-Saft, die letzte, nochmal aufgebackene Dinnete für ZR und das letzte Fladenbrot. Unsere Vorräte schreien förmlich nach Nachschub. Gut, dass Nane für heute Abend bei Sailors Paradise reserviert hat und morgen auf Shopping-Tour nach Bozburun mitfährt.

Bis Mittag genießen wir noch die Ruhe, bevor Dirk die Drohne startet. Wir wollen diesen traumhaften Anblick von oben festhalten. Die Aufnahmen bestätigen, was wir längst wissen: Dieser Ort ist ein Postkartenmotiv, das sich selbst gemalt hat. Einfach nur wunderschön.

Kurz vor 12 Uhr lichten wir den Anker. Mit achterlichem Wind gleiten wir im Schildkröten-Tempo durch den Hisarönü-Golf. Es ist die pure Entschleunigung, das perfekte Gegengift zum Alltagsstress im Job.

Kurz vor 15 Uhr machen wir am Steg von Sailors Paradise fest. “Hoş geldiniz!” – wir werden herzlich von Serkan, Tarek und der Crew begrüßt. Endlich wieder hier. Dieser Ort ist für uns mehr als nur ein Restaurant mit Steg; er ist ein Heimathafen der Seele. Wir kennen die Familie seit 20 Jahren, haben miterlebt, wie Tarek und Zerrin sich verliebten, und Nane hat hier mit Mama Berrin schon morgens um fünf Uhr Brot gebacken. Dieses Band ist mit den Jahren nur enger geworden.

Neben uns legt eine kleine Yacht an. An Bord: drei ältere englische Herrschaften. Die fitteste von ihnen, eine agile 80-jährige Dame, macht die Muring mit einer Routine, die ihresgleichen sucht. Ihr Mann und ihr Bruder sind 88 und 89. Der Ehemann ist sichtlich gebrechlich. Nane kommt mit der Skipperin ins Gespräch. Sie erzählt mit Wehmut, dass sie nach über 30 Jahren auf dem Wasser schweren Herzens überlegen, das Segeln aufzugeben. Es geht einfach körperlich nicht mehr. Aber die Vorstellung, nicht mehr in diese geliebte Region zurückzukehren, ist für sie unerträglich. Wir sind zutiefst beeindruckt und voller Respekt vor diesen Menschen, die so eine Lebensfreude ausstrahlen. Das sind die wahren Helden der See.

Nach einem Sprung ins nun fast badewannenwarme Wasser (24,6°C!) ist es Zeit für den “Family-Cay”. Pünktlich um 16 Uhr rücken Dirk und Nane mit Keksen bewaffnet zur familiären Teestunde an. Ein Privileg, das wir über die Jahre erhalten haben. Es wird viel auf Türkisch geredet – wir verstehen kein Wort, aber Serkan übersetzt, wir erzählen und Mehmet übersetzt zurück. Es ist ein fröhliches Durcheinander. Zwischen den Gesprächen umarmen sich Nane und Berrin immer wieder. Das ist Familie.

Zurück am Boot gibt’s die nächste Überraschung. Ein Skipper der Nachbaryacht kommt rüber, er hat unseren Heimathafen gelesen. Er ist in Forchheim geboren und kann es kaum fassen. Ein Foto am Heck der Pura Vida ist Pflicht! Man kommt ins Quatschen, tauscht Nummern – die Welt ist ein Dorf, und manchmal liegt dieses Dorf an einem Steg in der Türkei.

Das Abendessen ist, wie immer, eine Variation der Köstlichkeiten. Wir bestellen viel zu viel, weil einfach alles so gut ist. Als wir pappsatt und glücklich sind, kommen noch selbstgemachtes Baklava und Milchreis als Geschenk des Hauses auf den Tisch. Jetzt platzen wir aber wirklich.

Als Absacker gibt es an Bord einen Raki, der so großzügig eingeschenkt ist, dass er eine eigene Postleitzahl haben müsste. Wir genießen die Sterne, die Stille und das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein, bevor wir uns glücklich und zufrieden in die Kojen verziehen.