Montag, 08.06.2026 | Orhaniye – Karasüleyman Bükü – Kuruca Bükü | 12,3 nm

Nane ist früh wach. Sehr früh. Der Grund ist eine einzelne Mücke, die beschlossen hat, heute Nanes persönlicher Endgegner zu sein. Immer, wenn der Schlaf zum Greifen nah ist, startet sie einen sirrenden Tiefflugangriff auf Nanes Ohr. Wer wach ist, kann auch nützlich sein, also wird Wasser aufgesetzt und Kaffee gekocht. So kommt ZR heute mal wieder in den Genuss eines servierten Kaffees. Zum Frühstück gibt es Spiegelei und aufgebackenes Brot. Ein Blick in die Vorräte zeigt: Wir müssen bisschen was einkaufen.

Die erste Mission des Tages: Gas! Nane fährt mit Dogan zu einem kleinen Market und tauscht die leere Flasche gegen eine volle – passt. Direkt daneben hat eine Bäckerei auf, also landen kurzerhand noch Apfeltaschen und Simit in der Tasche. Die Jungs werden sich freuen. Nach einem Einkauf im A101 und Migros sind wir für den Rest des Törns gerüstet.

Orhaniye ist ein super Ort für einen Crew-Wechsel und bei viel Wind ein sicherer Hafen, aber bei Flaute und Sonne wird es schnell warm und zur Mücken-Falle. Wir verabschieden uns von Dogan und legen ab. Der Plan: zurück in eine Bucht, Ruhe, selber kochen. Der Wind hat heute allerdings komplett gekündigt. So gar kein Wind. Also steuert Dirk erstmal Nanes alte Lieblingsbucht an: Karasüleyman Bükü, für einen kurzen Bade-Stopp.

Kaum sind wir erfrischt, kommt ein Hauch von Wind auf. Da wir uns morgen mit der “Il Sogno” in Serce Limani treffen wollen, nutzen wir jede Chance. Anker auf und ab in den Hisarönü-Golf. Wir kreuzen auf und befinden uns offiziell im “Slow-Motion-Modus”. Nane rechnet laut nach: Mit 2,5 Knoten Fahrt ist die Pura Vida kaum schneller als ein Fußgänger. Wir spazieren also förmlich durch den Golf.

Als wir endlich in Kuruca Bükü ankommen, liegen schon einige Boote hier. Nachdem das erste Ankermanöver an Nanes fehlender Rückmeldung, wie es mit dem Anker aussieht scheitert und der Anker slippt, tauschen Nane und Dirk die Plätze. Nochmal und dann mit 2000 Umdrehungen rückwärts eingegraben, sitzt das Ding. Schön, wieder hier zu sein.

Nach einem Anleger-Shandy geht’s ins Wasser. Unweit von uns versucht das Skipper-Pärchen der “Fuchur”, zu zweit auf einem Stand-Up-Paddleboard zu balancieren – ein Manöver, das eher an eine Zirkusnummer als an Wassersport erinnert. Sie nehmen es mit Humor, fallen ins Wasser und wir kommen ins Quatschen. Die beiden sind schon in Rente und können monatelang hier segeln. Eine wunderschöne Vorstellung.

Zum Abendessen gibt es Bruschetta und Pasta à Limon (nach Andreas Rezept). Köstlich. Wir genießen den Sonnenuntergang und gehen noch eine letzte Runde schwimmen. ZR meint geheimnisvoll, er müsse Nane noch etwas erzählen, aber erst, wenn sie wieder aus dem Wasser ist – okay. Da er nicht rausrücken will, was los ist, siegt Nanes Neugier und sie klettert zurück an Bord. Die große Enthüllung: Er hat einen Spiegel-Artikel gelesen, dass im Mittelmeer (zwar in Spanien) ein Weißer Hai gesichtet wurde.

Nane googelt sofort. Paniklevel steigt. Es soll 250 Exemplare geben. Aber: noch nie einen Angriff auf einen Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist höher. Trotzdem: Wir sind die Generation, die “Der Weiße Hai” als einen der ersten 3D-Filme im Kino gesehen hat. Diese Ur-Angst sitzt tief.

Nachdem wir nun alles über den Weißen Hai im Mittelmeer wissen, was Google hergibt, und uns gegenseitig versichern, wie unwahrscheinlich alles ist, verschwinden wir irgendwann – vielleicht doch etwas schneller als sonst – in den Kojen.

Sonntag, 07. Juni 2026 | Sögüt – Orhaniye | 19,33 nm

Letzte Woche drohte der Wetterbericht noch mit Regen, heute ist davon zum Glück nichts mehr zu sehen. Strahlender Sonnenschein. Das morgendliche Kaffee-Ritual an Deck lockt heute sogar unseren Skipper aus der Koje – ein Ereignis von besonderer Bedeutung! Nane macht sich auf den Weg, um Brot zu kaufen. Irems Market ist immer noch ein verwaister Ort, also geht’s zum kleinen Laden am Octopus Restaurant. Das Brot ist überraschend günstig (40 Tyl pro Stück), was uns zu der Frage bringt, wie man bei diesen staatlich gedeckelten Preisen überhaupt noch produzieren kann. Ein Rätsel der türkischen Wirtschaft.

Dank unserer umfangreichen Eier-Bestände (gekauft und geschenkt) gibt es für die Herren ein feudales Omelett mit Schinken und Käse. Während die Jungs noch heldenhaft den Abwasch erledigen, begleicht Nane die Rechnung vom Vorabend. Vor uns liegen fast 20 Seemeilen, die sich bei wenig bis gar keinem Wind wie Kaugummi ziehen werden.

Der Abschied dauert, wie immer, länger als geplant. Erst trinken wir noch einen Cay und quatschen mit unseren englischen Nachbarn. Ihr Boots-Drama geht in die nächste Runde: Gestern haben sie festgestellt, dass der Segelmacher ihnen die falschen Segel mitgegeben hat. Bei diesem Boot schlägt Murphys Gesetz mit voller Wucht zu. Nach einem herzlichen Abschied von Sabit, Gülümser und Öykü – “See you in September!” – geht es endlich los. Mission heute: das Restaurant Palmiye unter neuer Leitung testen und für unseren Freund Sven checken, ob er hier im August einen Crew-Wechsel machen kann.

Im Yesilova-Golf können wir tatsächlich aufkreuzen und schaffen es auf solide 4,5 Knoten. Der Wind meint es kurz gut mit uns und Nane kann auf dem Steuerbord-Bug bis zum Kap segeln. Doch kaum biegen wir in den Hisarönü-Golf ab, ist der Spaß vorbei. Wind weg. Also: Segel einholen, Motor an. Bei achterlichem Wind und Motorleistung hebt sich die gefühlte Geschwindigkeit gegenseitig auf, und wir schleichen mit leichtem Dieselgeruch in der Nase Richtung Orhaniye. Kurz vor Bencik erwischen wir nochmal einen Hauch von Wind und hissen die Genua. Im “Slow-Motion-Modus” cruisen wir mit 2,5 Knoten dem Ziel entgegen. Gechillter kann man nicht segeln.

Gegen 16 Uhr legen wir am Steg der Palmiye Marina an. Und wer steht da, um die Leinen anzunehmen? Dogan, der Chef höchstpersönlich. Wir werden zur Chefsache erklärt – das gefällt uns.

Nach einem schnellen Anleger-Drink füllt Dirk den Wassertank, und wir schrubben einmal das Deck. Es gibt definitiv schlimmere Arbeiten, als bei diesen Temperaturen mit kühlem Wasser zu planschen. Danach wollen wir in den Pool, der aber wegen einer Chlor-Behandlung gesperrt ist. Macht nichts. Wir duschen und lassen uns in die Liegestühle fallen. Man hat nichts getan und ist trotzdem erschöpft – das ist der wahre Urlaubs-Modus.

Gegen 19 Uhr testen wir das Restaurant. Und was sollen wir sagen? Volltreffer! Mushroom Casserole, Ekzine Peynir, Lamm- und Hähnchenspieße – alles ist fantastisch gewürzt und perfekt gegrillt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Weil Nane etwas länger auf ihren Hauptgang warten muss, bekommen wir als Entschuldigung noch eine gebackene Halva aufs Haus. Wie nett! Mission für Sven: Läuft.

Zurück an Bord gibt es das obligatorische Weinschorle, gefolgt von einem Raki. Wir chillen an Deck, bis das erste Gähnen kommt, und verziehen uns dann glücklich und satt in die Kojen.

Samstag, 06.06.2026 | Kocabahce Koyu – Sögüt | 11,17 nm

Der Morgenkaffee an Deck wird heute von einem Lauschangriff auf unsere Nachbarn untermalt. Das Ergebnis ist wenig überraschend, aber von Boot zu Boot bestätigt: Keine der unzähligen Wetter-Apps verspricht auch nur den Hauch einer Brise. Es wird also wieder ein Tag des meditativen Schleichens. Zum Glück haben wir es nicht weit.

Als wir uns von unseren Herzensmenschen bei Sailors Paradise verabschieden wollen, eskaliert die Situation auf die schönste Art und Weise. Mehmet drückt uns Mandeln, Walnüsse, Salbei, Oregano und Honig in die Hände. Zerrin schickt Tarek schnurstracks in den Garten, um frischen Rucola, Petersilie und Portulak zu pflücken, mit den Worten: “So you have a piece of Sailors Paradise on your boat.” Die Familie ist einfach unglaublich. Zum Abschied gibt es noch Eier, lieber eine Umarmung zu viel als eine zu wenig, und das Versprechen, im Sommer wiederzukommen.

Auch von unseren englischen Nachbarn verabschieden wir uns. Die “Bluebell” will ebenfalls nach Sögüt, während die “Bluesbreaker” noch einen Tag die Seele am Steg baumeln lässt. Kurz vor 12 Uhr tuckern wir los. Wir passieren die Inseln, werfen einen Blick auf Dirsek Bükü und biegen dann links in den Yesilova-Golf ab. Hier packen wir die Genua aus und schaffen es tatsächlich, mit jedem noch so kleinen Windhauch bei zwei Knoten Fahrt Richtung Sögüt zu schleichen.

Bei der Ankunft stehen Sabit und Gülümser schon winkend am Steg. Die Achterleinen fliegen, und noch bevor Nane die Muring richtig greifen kann, steht Sabit schon vorne und hilft beim Ziehen. Es folgen Umarmungen, Freudentänze und das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Als Anleger-Snack gibt es natürlich sofort einen Salat aus den Mitbringseln von Sailors Paradise. Danach startet die “Mission Gasflasche”. Wir wollen bei Irems Market die Flasche tauschen und für alle ein Eis kaufen. Doch der Laden sieht aus wie ein Tatort kurz nach der Spurensicherung: leer. An der Tür klebt ein Zettel mit Özkans Handynummer. Nane ruft an, er verspricht, in 20 Minuten da zu sein. Da es aber gefühlt 40 Grad im Schatten hat, beschließen wir, das Warten zu überspringen und beim Octopus-Restaurant-Market Eis für uns und die Familie Apak zu kaufen. Drei Stunden später kommt von Özkan die Nachricht: “Sorry, Gas ist aus.” Na gut, dann eben morgen in Orhaniye.

Nach Cay und einer Abkühlung im Wasser (über 26°C, ZR ist natürlich als Erster drin) lässt Dirk die Drohne steigen, was den kleinen Deniz schwer fasziniert. Nane kommt mit den französischen Nachbarn ins Gespräch. Die haben ihr Boot erst kürzlich gekauft – nachdem es 10 Jahre an Land stand. Überall, wo man hinschaut: Großbaustelle. Ein Projekt, das sich nach einer unendlichen Geschichte anhört. Wir wünschen den beiden viel Glück und sind froh, dass wir nur zuschauen müssen.

Zum Abendessen gibt es für ZR und Dirk frischen Fisch (Red Snapper und Levrek), während Nane sich nach dem #aufessen-Marathon der letzten Tage weise auf Vorspeisen beschränkt. Die ersten Mückenstiche lassen nicht lange auf sich warten, die Antibrumm-Flasche wird gezückt und der letzte Drink des Abends kurzerhand auf das windigere Deck verlegt. Sicher ist sicher.