Der frühe Vogel kann uns mal. Nane ist zwar kurz wach, um ein traumhaftes Foto vom Sonnenaufgang zu schießen, aber danach wird sich sofort wieder in die Koje gemummelt – es ist definitiv zu früh für jegliche Art von Aktivität. Gegen halb neun sind wir dann aber bereit für den ersten Kaffee des Tages, und der tut richtig gut. Wir kommen mit unserer netten Nachbar-Crew ins Gespräch, die ebenfalls Kurs auf Bozukkale und das Sailors House nehmen will. Wie klein die Welt ist: Sie kommen aus der Gegend um Leinfelden und Karlsruhe. Da Nane früher selbst in Grünwettersbach gewohnt hat, ist die Freude über den heimatlichen badischen Dialekt riesig.
Nach Kaffee und Müsli bezahlen wir unsere Rechnung, trinken noch einen schnellen Çay und schmieden den Schlachtplan für den Tag. Nane ist da unerbittlich: Spätestens um 11 Uhr müssen die Leinen los! Der Grund ist eine berüchtigte, fiese Welle, die sich am Nachmittag zuverlässig zwischen Rhodos und dem türkischen Festland aufbaut. Eine Welle, die in der Vergangenheit schon etliche unserer Crew-Mitglieder zu unfreiwilligen „Reling-Hängern“ gemacht hat. Dieses Schicksal wollen wir uns heute ersparen. Kurz vor 11 legen wir ab und verabschieden uns von unseren Nachbarn – man sieht sich!
Die ersten 50 Minuten tuckern wir unter Motor, doch dann erwacht der Wind zum Leben. Zeit, die Segel zu setzen! Mit dem ersten Reff im Groß und in der Genua gehen wir auf einen Amwindkurs. Es ist immer wieder unglaublich, wie souverän die Pura Vida mit ordentlich Wind umgeht. Selbst gerefft jagen wir mit über 8 Knoten durchs Wasser – ein sensationeller Start in den ersten richtigen Segeltag. Der Pura Vida haben wir damit auch gleich mal eine ordentliche Salzdusche verpasst.
Nane lässt die Pura Vida laufen, hält Kurs auf Rhodos, um mit nur einer einzigen Wende perfekt in die Bucht von Bozukkale segeln zu können. Dabei hat sie am Steuer ganz schön gegen die hohen Wellen und die immer wieder einfallenden Böen zu kämpfen. Der Wind legt weiter zu, und bei 26 Knoten scheinbarem Wind muss die Genua sogar noch ein weiteres Stück eingerollt werden. In der Kabine macht sich die Schräglage bemerkbar: Mit einem lauten Scheppern verabschieden sich die Tabletts aus ihrem Fach unter dem Backofen und verteilen sich auf dem Boden. Ein klares Zeichen, dass wir ordentlich unterwegs sind!
Um 14 Uhr erreichen wir die Einfahrt von Bozukkale und bergen die Segel. Ganz so windstill wie erhofft ist es in der Bucht leider nicht, aber wir kommen gut an den Steg vom Sailors House, wo uns Murat schon erwartet und die Achterleinen entgegennimmt. Fest. Durchatmen.
Kurz nach uns läuft auch die „Sun Lark“ unserer Nachbarn ein. Sie mussten das letzte Stück gegen die Welle anmotoren, und ja, es hat ein Crew-Mitglied erwischt. Liebe Grüße an Bea, Nicky, Chris und Fabi – ihr seid in guter Gesellschaft, dieses Stück See ist einfach nicht ohne!
Als Belohnung für die gelungene Überfahrt gönnen wir uns einen Anleger-Obstsalat mit Joghurt und Honig. Wir teilen unsere Wassermelone mit den Nachbarn und genießen den Nachmittag. Dirk nutzt die Zeit, um die Schiffsschraube von ein paar Pocken zu befreien, und wir alle freuen uns über die angenehme Wassertemperatur – schon deutlich wärmer als im Juni, aber immer noch herrlich erfrischend. Die Nachbar-Crew lässt ihre Drohne steigen und Nane bekommt die spektakulären Luftaufnahmen direkt per Airdrop zugeschickt – genial!
Zum Sundowner sind wir auf die Sun Lark zu einem Aperol Spritz eingeladen. Eine tolle Geste, vielen Dank nochmal, er war köstlich! Im Restaurant werden wir freudig von Mustafa begrüßt. Es ist schön zu sehen, dass er wieder präsenter für seine Gäste ist – für uns ist er einfach das Gesicht und die Seele vom Sailors House. Das Abendessen – Shrimps in Knoblauchbutter und gegrilltes Hühnchen – ist wie immer ein Gedicht.
Trotz des perfekten Tages merken wir: Wir sind noch nicht ganz im Urlaubsrhythmus angekommen. Der Segeltag war schön, aber auch anstrengend, und die frische Seeluft fordert ihren Tribut. Wir sind müde. Der Wind lässt nicht nach und pustet kräftig von achtern ins Boot. Wir lassen den Abend bei einem letzten Drink ausklingen und fallen bald in die Kojen. Gute Nacht aus dem windigen Bozukkale.
