Wir haben erstaunlich gut geschlafen. Das Gefühl, an der Boje absolut sicher zu liegen, hat die Geräuschkulisse aus heulendem Wind, klatschenden Wellen und knarrenden Leinen in ein beruhigendes Schlaflied verwandelt.
Gegen acht gibt es den ersten Kaffee. Nane schreibt Tarek eine kurze Nachricht, ob er uns ein frisches Brot und sechs Eier bringen kann. Die Antwort kommt prompt in Form von Tarek selbst, der mit den gewünschten Lebensmitteln am Boot steht. Was für ein Service! So bekommen die Jungs ein herzhaftes Frühstück mit türkischer Knoblauchwurst (Sucuk) und Ei, während Nane bei ihrem geliebten Joghurt mit Honig und Obst bleibt. Thomas ist vom türkischen Brot begeistert.
Am Vormittag geht Nane eine Runde schwimmen und beäugt dabei kritisch den Palstek, mit dem sie gestern die zusätzliche Leine am Bug befestigt hat. Sie ist nicht zufrieden. Das ungeschriebene Gesetz an Bord lautet: Wenn du es nicht gut findest, müssen wir es ändern. Also wird der Motor gestartet, Thomas gibt die Leine etwas frei und Nane knüpft den Knoten neu. Jetzt sitzt er perfekt. Eine gute Entscheidung, denn für den Nachmittag ist noch heftigerer Wind angesagt.
Kaum ist Nane zurück an Bord, klingelt das Telefon. Tarek ist dran: Eine Reservierung wurde storniert, wir können an den Steg, sobald der Katamaran nebenan weg ist! Perfekt! Dirk macht sofort die Fender klar. Zehn Minuten später legen wir mit Tareks Hilfe sicher am Jetty an. Zwei Murings, zwei Achterleinen – jetzt kann der Sturm kommen! Nane ist happy. Das muss natürlich mit einem Anleger gefeiert werden.
Wir haben jetzt den Logenplatz für das Nachmittagsspektakel. Ein Gast von einer belgischen Crew will in der Bucht Kite-Surfen. Bei dem Wind ein waghalsiges Unterfangen. Die Vorbereitungen sind langwierig. Tarek fährt ihn mit dem Dinghi raus. Dort kämpft er mit den tückischen Fallböen, die durch die Berge in der Bucht entstehen. Mal hat er richtig Speed, im nächsten Moment klappt das Segel zusammen. Das Schauspiel lässt sich keiner am Steg entgehen. Von allen Vorschiffen wird zugeschaut und mitgefiebert. Irgendwann verlässt ihn die Kraft und er gibt auf. Trotzdem: Hut ab vor dem Versuch!
Der Wind nimmt weiter zu. Die Palmen am Ufer biegen sich, die Wellen bauen sich auf und irgendwann fegt fliegende Gischt durch die Bucht. Wir machen schnell das mittlere Fenster der Sprayhood zu, um im Cockpit trocken zu bleiben.
Gegen 16 Uhr gehen wir zum „Family-Çay“ ins Restaurant. Wir sitzen mit Berrin, Tarek, Mehmet, Serkan und einem netten türkischen Paar zusammen. Es stellt sich heraus, dass sie ihr Boot seit 20 Jahren in der Marina in Bodrum liegen haben und auf dem Rückweg in Palamutbükü vorbeikommen. Sie kennen dort unseren Freund Gürcan sehr gut. Die Gelegenheit! Wir fragen, ob sie ihm eine kleine Lieferung von uns mitbringen können. Nane ist überglücklich, denn nun können wir unser Versprechen einlösen: Wir geben ihnen zwei Packungen „Duplo“ für Gürcan mit. Er kennt die Schokoriegel aus seiner Kindheit und verbindet damit tolle Erinnerungen. Eine kleine Geste mit großer Wirkung.
Zurück an Bord gibt es ein, zwei Weißweinschorle, bevor der Wind gegen 18 Uhr mit über 30 Knoten seinen Höhepunkt erreicht. Wir gehen zum Abendessen und bestellen uns durch die Karte: scharfe Chili-Vorspeise (Atom), diverse Cremes und Börek mit Meeresfrüchten, gefolgt von Lammkoteletts, Hähnchen-Spieß und einem „Hunterbörek“ (Pfannkuchen mit Hackfleischfüllung). Alles extrem lecker, aber wie immer viel zu viel. Wir sind pappsatt. Mehmet gesellt sich zu uns und trinkt mit Thomas noch einen Raki.
Die letzten beiden windigen Nächte stecken uns in den Knochen. Nane will nur noch ins Bett. An Bord gibt es noch einen kleinen Schlummertrunk – Rum, für Dirk sogar mit Cola – und schon liegen wir in den Kojen, sicher und geborgen, während draußen der Sturm tobt.