Der Wind war unser ständiger Begleiter in der Nacht. Er hat so kräftig durchgeblasen, dass wir immer wieder wach waren. Als Nane mal wieder für ein paar Sonnenaufgangsbilder aufsteht, ist an Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Also ergibt sie sich ihrem Schicksal und kocht den ersten Kaffee des Tages. Ein Blick auf die Wetter-Apps sorgt für die übliche Verwirrung: Windy verspricht uns eine gemütliche Flaute auf dem Weg nach Sögüt, während Windhub satte 20 Knoten Wind vorhersagt. Die Wahrheit liegt wie immer wohl irgendwo dazwischen. Zum Frühstück gibt es nur Müsli, Kaffee und Orangensaft. Nane ist heute sogar das Müsli zu viel – eine direkte Folge der unruhigen Nacht.
Die Boote liegen dicht an dicht am Steg von Sailors House, und der heulende Wind macht wenig Lust auf ein morgendliches Bad. Das vertagen wir lieber auf Sögüt. Stattdessen quatschen wir mit unseren Nachbarn, der Crew der „Sun Lark“. Auch sie wollen heute nach Sögüt, allerdings ins Octopus-Restaurant. Wir stellen fest: allesamt Daimler-Mitarbeiter aus der Entwicklung. ZR wäre im Paradies gewesen, es ist genau seine Welt.
Wir begleichen unsere Rechnung, trinken noch einen Çay, dann noch einen und geben Murat Bescheid, dass wir in 20 Minuten ablegen. Die Achterleinen sind hier um dicke Holzpfähle geschlungen, die sich gerne mal verhaken. Wir bitten ihn daher, beim Ablegen am Steg zu sein, was er wie immer zusagt. Zurück an Bord wird alles seefest verstaut – fliegende Tablets soll es heute nicht geben. Beim Ablegen helfen die Nachbarn mit den Fendern, während Nane die Muringleine bedient. In solchen Momenten wünscht man sich wirklich, man könnte sich klonen.
Kaum sind wir aus der Bucht raus, packt der Wind richtig zu. Nane entscheidet, heute nur mit der Genua zu segeln. Die richtige Entscheidung? Wir schießen sofort mit 7,5 Knoten Fahrt los und es macht einen Heidenspaß. Wir cruisen Richtung Symi, doch plötzlich sitzen wir fest – in einem der berüchtigten Windlöcher zwischen der griechischen Insel und dem türkischen Festland. Mist. Also: Motor an und hoffen. Hätten wir doch das Großsegel setzen sollen? Doch die Zweifel verfliegen schnell. Nach nur 20 Minuten ist der Wind wieder da, und zwar mit voller Wucht! Die inzwischen ebenfalls ausgelaufene „Sun Lark“ hat ihr Großsegel oben und krängt ordentlich in den Böen. Unsere Genua-Strategie war also doch nicht so schlecht, denn sobald wir in den Yesilova-Golf abbiegen, haben wir den Wind ohnehin von achtern.
Im Golf zieht die 57 Fuß lange „Sun Lark“ dann aber an uns vorbei. Tja, Länge läuft eben doch. Die achterliche Welle, die hier normalerweise schwächer wird, hat heute keine Lust dazu. Im Gegenteil, sie baut sich weiter auf und schiebt uns kräftig Richtung Ziel. Das Geschaukel ist nicht gerade angenehm, aber ändern können wir es nicht.
Kurz vor 15 Uhr erreichen wir den Steg von Captain’s Table. Und wie es das ungeschriebene Gesetz des Segelns will, gibt der Wind genau im Moment des Anlegemanövers nochmal richtig Gas. Doch Sabit ist wie immer zur Stelle, springt vom Nachbarboot auf die Pura Vida und macht unsere Muringleine fest . Wir bekommen bei dem Wind für die Nacht gleich zwei davon – sicher ist sicher. Die Wiedersehensfreude mit der Familie ist groß. Wir erfahren, dass für Öykü heute der erste Tag an der weiterführenden Schule in Bozburun war. Wir sind schon gespannt, was sie heute Abend erzählen wird.
Wir gönnen uns den obligatorischen Obstsalat, bevor es zum Schwimmen geht. Das Wasser ist durch den Wind ziemlich „kapplig“ und die Wellen spritzen einem ins Gesicht. Dirks trockener Kommentar: „Heute ist bei dir wohl Duschen mit Haarewaschen angesagt.“ Na klar. Die anschließende warme Dusche tut der salzigen Haut unendlich gut. Nane hatte heute übrigens extra ihr UV-Shirt an – Frau Doktor hat vor zu viel Sonne gewarnt, und wir hören ja (meistens).
Der Nachmittag vergeht wie im Flug: Dirk lässt die Drohne steigen, Nane schreibt am Blog. Wir gehen früher zum Abendessen, denn um 19 Uhr deutscher Zeit haben wir einen wichtigen Videocall. Norbert, einer unserer Miteigner, möchte seinen Drittel-Anteil an der Pura Vida aus Alters- und Gesundheitsgründen verkaufen. Der Call mit den Interessenten verläuft trotz wackeliger Internetverbindung erfolgreich. Nun geht es darum, Besichtigungstermine zu finden, denn niemand kauft ein Schiff, ohne es gesehen zu haben.
Nach getaner „Arbeit“ besuchen wir die Crew auf der „Sun Lark“, werden auf einen Gin Tonic eingeladen und verquatschen uns bis Mitternacht. Morgen wollen wir uns im Sailors Paradise nochmal treffen, bevor es für diese super sympathische Crew schon wieder zurück nach Marmaris geht. Als wir zu unserem Steg zurückkehren, ist alles still. Die Crews der Boote neben uns schlafen schon tief und fest. Das haben wir jetzt auch vor.
