Die erste Nacht mit Thomas an Bord war perfekt: ein sternenklarer Himmel und absolute Ruhe. Was will man mehr? Für heute haben wir uns nur eine kurze Etappe vorgenommen. Rund sieben Seemeilen soll es in eine Bucht gehen, die uns auf Instagram schon mehrfach begegnet ist und die wir endlich mal selbst testen wollen: Degirmen Koyu, direkt hinter der Insel Sariliman. Letzten Sommer hatten wir den Versuch wegen zu viel Wind und Welle abgebrochen, heute soll es klappen.
Wir lassen es gemütlich angehen, frühstücken in Ruhe und lichten gegen 11:30 Uhr den Anker. Aufkreuzend erreichen wir am frühen Nachmittag unser Ziel. Die Bucht ist menschenleer, auch das kleine Café am Strand hat geschlossen. Die Saison scheint hier vorbei zu sein. Wir werfen den Anker auf der Westseite in 9 Metern Tiefe. Der Untergrund ist allerdings dichter Seegras, und obwohl der Anker auf den ersten Blick hält, ist Dirk nach einem prüfenden Tauchgang nicht zufrieden. Also: alles wieder hoch!
Zweiter Versuch, etwas mehr in der Mitte der Bucht, wo wir eine helle Sandstelle ausgemacht haben. Wieder hält der Anker nicht so, dass Dirk ihm vertrauen würde. Er ist einfach nicht richtig eingegraben. Thomas und Nane haben eine Idee: Dirk soll im Wasser bleiben und das Manöver beobachten, während wir an Deck mit dem Motor rückwärts Gas geben. Gesagt, getan. Und siehe da: Schon bei 1.400 Umdrehungen graben sich die Flunken des Ankers tief in den Sand. Er hält bombenfest, selbst als wir zwei Minuten lang mit 2.000 Umdrehungen testen. Teamwork!
Nane startet sofort ihre Anker-App. Der Wind bläst konstant aus Nordwest, sodass wir nur einen kleinen Teil unseres möglichen Schwojkreises nutzen. Zum Abendessen gibt es eine köstliche Resteverwertung: Die Putenbrust von gestern wird mit Tomaten-Paprika-Gemüse und Käse im Ofen überbacken, dazu der restliche Nudelsalat. Doch so richtig gemütlich wird es nicht. Der Wind pfeift konstant mit 15 bis 17 Knoten durch die Bucht – von Abdeckung keine Spur.
Wir sitzen an Deck und quatschen. Irgendwann übermannt Dirk die Müdigkeit. Er holt sich sein Kissen und seine Decke und schläft im Cockpit ein. Und dann passiert es: Er gibt leise Schnarchgeräusche von sich! Nane ist im Himmel. Nach all den Jahren, in denen er es bestritten hat, hat sie endlich einen Ohrenzeugen: Thomas! Ein historischer Moment.
Nane entscheidet sich, Dirk im Cockpit Gesellschaft zu leisten und holt sich ebenfalls Kissen und Decke. Der Wind pfeift, das Boot schwojt, wir beobachten den Mond bei seiner Wanderung über den Himmel. Draußen auf dem Meer sehen wir die blauen Lichter der Küstenwache patrouillieren, aber in unsere Bucht kommen sie nicht. Es wird eine unruhige Nacht. Wir wachen immer wieder auf, und es wird empfindlich kalt, vor allem an den Füßen.
Mitten in der Nacht steht Dirk plötzlich auf, weil er aufgewacht ist, er friert. Er hat gemerkt, dass Nane auch friert. Wortlos verschwindet er unter Deck, bezieht die Wolldecken mit Bettbezügen, kommt wieder hoch und deckt Nane sorgfältig zu. In diesem Moment ist er einfach nur genial. Sie bedankt sich herzlich und kann endlich wohlig warm wieder einschlafen. Die Rache des schnarchenden Skippers ist eine Heldentat der Fürsorge.
Wir hoffen, dass die Nacht schnell vorbei geht – die Bucht ist windstill sicher super, aber selbst bei moderaten Winden zu ungemütlich, um zu übernachten.
